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Die Erfindung der Kreuzfahrt Wenn das Fernweh lockt

Juni 2017
Von Ursula Wöst

Ein Hamburger Reeder hat die Kreuzfahrten erfunden – wir erzählen die Geschichte über ein boomendes Geschäft. 

Die Augusta Victoria geht auf eine „luxuriöse Orient-Exkursion“ 

Am frühen Morgen des 19. Juli 2004 brach in Hamburg der Verkehr zusammen. Mehr als eine Viertelmillion Menschen strömte im Morgengrauen an die Elbe. Der Grund: Ein Kreuzfahrtschiff lief in den Hafen ein. Die Hamburger standen dicht gedrängt am Ufer, schwenkten Taschentücher und Bettlaken zur Begrüßung, das Schiff antwortete mit wohlig-tiefem Tuten des Signalhorns. Was trieb die vermeintlich kühlen Norddeutschen zu solch kollektiver Euphorie?

Was da kam, war freilich nicht irgendein Kreuzfahrtschiff, sondern die QUEEN MARY 2 der Cunard Line. Die Affinität der Hamburger zu England ist groß, aber das allein erklärt nicht, warum gerade in Hamburg Kreuzfahrtschiffe so beliebt sind. Wie kommt es, dass das Kreuzfahrtgeschäft hier so besonders erfolgreich ist?

Die Kreuzfahrt ist eine Marketing-Idee aus Hamburg: Albert Ballin, ab 1899 Generaldirektor der angesehenen Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG), hat sie erfunden. 1886 übernahm der aus einfachen Verhältnissen stammende, dynamische und hochintelligente Unternehmer die kränkelnde Passageabteilung der HAPAG. Ballin setzte nicht nur auf das Auswanderergeschäft, sondern auf eine neue Zielgruppe: Seefahrt war in wohlsituierten Kreisen „in“, der Kaiser selbst war der größte Schiffsliebhaber der Nation. 

Im Sommerhalbjahr reiste man über den Atlantik, im Winter jedoch lagen die teuren Passagierschiffe im Hafen. Deshalb wagte Ballin am 22. Januar 1891 einen Versuch: Er schickte 241 Passagiere auf seinem Flagg-Schiff, der AUGUSTA VICTORIA, zu einer 57-tägigen „luxuriösen Orient-Exkursion“ ins Mittelmeer. Selbst enge Vertraute Ballins meinten, „es sei in seinem Oberstübchen nicht ganz richtig“. Doch Kaiser Wilhelm II winkte persönlich am Kai. Albert Ballin war pfiffig genug, den Abfahrtstermin des Schiffes mit den Reiseplänen des Kaisers in Einklang zu bringen. Die Reise auf dem schwimmenden Rokoko-Palast wurde ein großer Erfolg und ging als die erste Kreuzfahrt in die Geschichte ein.

Portrait Albert Ballin, 1930. Foto: Deutsche Werft

Auguste Victoria 

Auguste Victoria war das Flagg-Schiff der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG). Auf ihr fand 1891 die erste Kreuzfahrt der Welt statt, eine 57-tägigen „luxuriösen Orient-Exkursion“ ins Mittelmeer.


Hanseaten lieben Ozeanriesen 

Der erste Weltkrieg beendete abrupt den Aufschwung der „Lustreisen zur See“, und es dauerte einige Jahre nach dem Krieg, bis sie wieder aufgenommen wurden. 1925 schickte die Reederei Hamburg Süd ihre „Monte-Schiffe“ auf 16-tägige Nordlandkreuzfahrten. Mit relativ hohen Passagierzahlen und günstigen Preisen wurden Kreuzfahrten erstmals für ein breiteres Publikum erschwinglich.

In den 30er- Jahren charterte die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ Schiffe anderer Veranstalter, bot Kreuzfahrten zu einem Einheitspreis an und verloste die Kabinenplätze. Insgesamt 750.000 linientreue Deutsche nahmen an KDF-Kreuzfahrten teil.

Während Seereisen in Deutschland nach dem Krieg noch lange einem kleinen, elitären Kreis vorbehalten blieben, führte die TV-Serie „Love Boat“ in den USA in den 70er Jahren zu einem Kreuzfahrt-Boom. Der Unternehmer Ted Arison, Gründer der Carnival Cruise Lines, machte Clubkreuzfahrten zum Erfolgskonzept.

Schließlich half auch hierzulande eine TV-Serie: die MS DEUTSCHLAND der Peter Deilmann-Reederei wurde 1981 zum „Traumschiff“ und Sascha Hehn für so manche Zuschauerin zum „Traummann“. Ende der 80er Jahre leitete die SOVEREIGN OF THE SEAS der Royal Caribbean Cruise Line ein neues Zeitalter in der Kreuzfahrt ein – das der Mega-Kreuzfahrtschiffe, der „Floating Holiday Resorts“, und mit den AIDA Clubschiffen wird gern von der „Demokratisierung der Kreuzfahrt“ gesprochen.

Die MS “Kungsholm”, 1966-1970. Foto: Zoch

Hamburg profitiert von diesem Boom und beflügelt ihn. Von großer Bedeutung ist, dass der Hafen mitten in der Stadt liegt, Identitätsstifter und Motor der Stadtentwicklung ist. Auch tut die Stadt viel, um den Standort für Kreuzfahrt-Reedereien attraktiv zu machen: Der Bau von drei Kreuzfahrtterminals innerhalb von nur 13 Jahren schaffte die notwendigen Kapazitäten, ein viertes Terminal ist seit Jahren im Gespräch. International gilt das Hamburg Cruise Center als Best-Practice-Beispiel für eine erfolgreiche Standort- und Destinationsvermarktung gegenüber Reedereien.

Die enge Verbindung mit der Stadt wird – zumindest heute noch – durch den Reparaturbetrieb für Kreuzfahrtschiffe auf der Werft Blohm & Voss gesichert. Wenn die „Queen“ zur Überholung im Trockendock Elbe 17 liegt, freuen sich nicht nur die Werftarbeiter, sondern auch die Schaulustigen an den Landungsbrücken.

“Betriebsausflug Mitarbeiter”, 1965. Foto: Unilever