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Der Georg Koppmann Preis für Hamburger Stadtfotografie des Jahres 2019 geht an den Hamburger Fotografen Axel Beyer. In der Jurysitzung zum gemeinsam von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) und der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) vergebenen Fotopreises wurde Axel Beyers Projekt „Temporäre Einsichten“ aus insgesamt 113 Bewerbungen ausgewählt. 

„Temporäre Einsichten“ von Axel Beyer

von Anna Gripp, Jurymitglied 

Das vermeintlich Unattraktive kann – mit guter Fotografie vermittelt – interessant, ja sogar ästhetisch reizvoll sein. Aber was ist „gute Fotografie“? Der Fotograf Axel Beyer erzählt, er habe „Vorstellungen von guten Bildern im Kopf“, wenn er mit seiner digitalen Mittelformatkamera in Hamburg unterwegs ist. Und das heißt in diesem Fall, dass er nach Motiven sucht, die mehrschichtig sind, die eine urbane Situation wie auf einem Bühnenbild zeigen. In einigen Bildern ähnelt die Stadt auch einem Modell. Es sind „Temporäre Einsichten“, die uns der Fotograf bietet und die in Hamburg derzeit häufig zu finden sind. Überall in der Stadt wird abgerissen und neu gebaut. Baulücken werden geschlossen, neue Stadtteile entstehen. Selbst alteingesessene Bewohner erkennen zuweilen ihre Stadt nicht wieder, wenn plötzlich neue Sichtachsen auftauchen. Es ist Bewegung in der Stadt, was oft unangenehm, gar lästig ist. Schließlich dauert es viele Jahre, bis Hamburger und Touristen in der Hafencity flanieren oder von der Plaza der Elbphilharmonie in die Ferne blicken können. Zuvor gibt es Lärm, Dreck, Stau und Chaos.

Axel Beyer, View-Point am Baakenhöft in der Hafencity, 2019

Axel Beyer hat sich nicht auf die spektakulären Bauprojekte der Stadt reduziert. Er flaniert mit offenen Augen durch Hamburg und ist grundsätzlich bereit, jeder urbanen Situation zu einem fotografischen Bühnenauftritt zu verhelfen. Vielfach mischt sich in seinen Bildern Altes mit neu Gebautem. Entscheidend für seine Motivwahl ist, dass die Situation vor Ort von temporärer Dauer ist. „ Die Fotografien ziehen gezielt die Aufmerksamkeit auf das zeitlich beschränkte Raumkonzept und sein Perspektivenspiel. Zwischenräume entstehen, welche Kompositionen bilden, die zwischen Vergangenem, Gegenwärtigen und Zukünftigen changieren. Herausgerissene Baustücke lassen vermuten, was kommt – ein neuer Teil der Stadt, der sich in sein Umfeld einfügt und das Bild neu zusammenformt“, wie der Fotograf schreibt. Er blickt gerne von den Rückseiten auf die Stadt oder schaut von der Ferne beispielsweise auf die Elbphilharmonie, die hier nur klein im Abendlicht wie auf einer Perlenkette mit Michel, Fernsehturm, Baukränen und Strommasten zu sehen ist. Andere Szenen: Die Ruine der Hauptkirche St. Nikolai am Hamburger Hopfenmarkt verschwindet fast hinter einer bedruckten Bauplane, die uns eine aufgeräumte Innenarchitektur vorgaukelt. In der Neuen Mitte Altona wiederholen die gestapelten Zementsäcke auf humorvolle Weise den Geschosswohnungsbau im Hintergrund. Und die dem Abriss geweihten City Höfe werden vom Saal des Kunstvereins aus betrachtet zu einem Wandbild mit zusätzlichem geometrischen Muster.

Axel Beyer, Blick aus dem Kunstverein auf den City Hof, 2019

Axel Beyer lehrt er uns, mit offenen Augen und ohne Wertung durch die Stadt zu gehen. Eine Haltung, die ihm schon lange zu eigen ist. Mitte der 1980er Jahre schloss Beyer sein Kommunikationsdesign-Studium an der Fachhochschule Hamburg mit der Serie „Stadt Räume“ ab, damals noch auf Diafilm fotografiert. Über 30 Jahre später sind diese Aufnahmen schon historisch und das nicht nur wegen der veralteten Autotypen und Großflächenplakate, die in den Bildern zu sehen sind. Es gab die Überlegung, die damaligen Standpunkte nochmals aufzusuchen und neu zu fotografieren. Doch Axel Beyer hat sich gegen diese Vorher-Nachher-Blicke entschieden, auch weil einige Kamerastandpunkte nicht mehr existieren. Stattdessen hat er für „Temporäre Einsichten“ neue Sichtachsen entdeckt, die so oft bald verschwunden sein werden. Eine Stadtfotografie im subjektiv-dokumentarischen Stil, die einen wunderbaren Start für das neue Stipendium bietet.

Axel Beyer, Ehemaliges Buss-Hansa-Terminal am Travehafen, Steinwerder, 2019

Während Georg Koppmann im 19. Jahrhundert die damals gravierenden baulichen Veränderungen im Auftrag der Stadt fotografierte, bietet das neue Stipendium für Hamburgische Stadtfotografie mehr Freiraum bei Motiven und Umsetzung. Bereits die Jury der ersten Wettbewerbsrunde hat Diskussionen über das Genre Stadtfotografie befördert. Geht es vor allem um die gebaute Stadt oder auch um die hier lebenden und arbeitenden Menschen? Was kann, was sollte die Fotografie zum Verständnis von Stadt leisten? Was wird vermittelt zum sozialen und kulturellen Lebensraum Stadt? In Hamburg leben sehr viele Fotografinnen und Fotografen, von denen etliche die Stadt mit Bildserien im eigenen Auftrag bereichert haben. Erwähnt seien die Gruppenausstellung „Sightseeing the Real“ zur Triennale 2018, das jahrzehntelange Schaffen des Fotografen Hans Meyer-Veden oder die „ Hamburg Cityscapes“ von Milan Horacek aus den 1980er Jahren. Autorenfotografie, die einen Gegenpol bildet zu den typischen Bildern aus Tourismus und Stadtmarketing. Es gibt eine reiche Tradition der Stadtfotografie in Hamburg und der Georg Koppmann Preis wird helfen, hier weitere Ansätze zu fördern. Das kann, wie bei Axel Beyer, die Interpretation eines Hamburger Fotografen sein oder der fotografische Blick von außen.

Die Bildserie

Der Preisträger Axel Beyer

Über den Preisträger

Axel Beyer wurde 1958 in Lüneburg geboren. Von 1980 bis 1985 studierte er Kommunikationsdesign an der FH Hamburg und ist seit 1987 beruflich im Zeitschriften-Design in Hamburg tätig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau wohnt er in Winterhude.

Axel Beyer, Foto Janka Burtzlaff

Foto-Projekte

2003Einzelausstellung „DER WUNDE PUNKT“ im Carmen Oberst Kunstraum in Hamburg. Präsentation von acht großformatigen Diptychen (Lamdaprints).
2004Fotoinstallation zur 9. IFUPA (Thema Work) im Museum der Arbeit, Hamburg.
Gemeinschaftsausstellung WORK OUT mit Margit Bassler im Photo.Kunst.Raum. Präsentation von digitalen Fotomontagen (Pigment-Prints auf Leinwand) zum Thema Arbeitswelten.
2006Gemeinschaftsausstellung „LEERSTELLEN“ im Kulturforum Lüneburg, Gut Wienebüttel.
2007Gemeinschaftsausstellung „ANIMALS“ in der Sparkasse Lüchow-Dannenberg.
2008Beginn der Arbeit an dem BEBRA-PROJEKT.
2010Teilnahme am Dummy-Award beim Fotobookfestival in Kassel. 3. Preis für das Projekt „BEBRA CURIOSA“.
2011Präsentation des Bebra-Projektes anläßlich der DFA-TAGUNG in Stuttgart-Echterdingen, seitdem berufenes Mitglied. Ausstellung „BEBRA CURIOSA“ in der Fotopension in Köln.
Gruppenausstellung „TRAUTES HEIM, GLÜCK ALLEIN“ im Kunstverein Wiesbaden (7. Wiesbadener Fototage).
2012Ausstellung „GRENZRÄUME“ in der FHV-Galerie in Dornbirn (Österreich)