Von Rainer-Maria Weiss, 2024
Jüngere Erkenntnisse des Archäologischen Museums Hamburg werfen ein neues Licht auf die sogenannte Bischofsburg und liefern Hinweise auf das symbolische Fundament des Hamburger Wappenbildes. Eine archäologische Spurensuche!


ziert Fahnenmäste, Bushaltestellen oder etwa Brückengeländer.
Foto: SHMH.
Hamburg ist stolz auf seine Geschichte und Tradition, was sich bereits im Namen Freie und Hansestadt widerspiegelt. Während jedoch Städte wie Köln oder Trier ihre Gründung sogar bis auf die Römerzeit zurückführen können, liegen die Wurzeln Hamburgs im Mittelalter. Im baulichen Stadtbild ist davon allerdings heute nichts mehr erhalten. Dies ist nicht nur Brandkatastrophen und Kriegen anzulasten, sondern vor allem dem steten Prosperieren einer reichen Kaufmannsstadt, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die baulichen Spuren des vermeintlich dunklen Mittelalters getilgt hat. Dies gilt für die Stadtmauern mit ihren Toren und Türmen ebenso wie für Kirchen und Klöster, ja selbst den altehrwürdigen gotischen Dom im Herzen der Stadt riss man ohne jede Not zu Beginn des 19. Jahrhunderts ab.
So ist man bei der Erforschung der mittelalterlichen Geschichte in erster Linie auf die urkundliche Überlieferung angewiesen, aus der sich bereits früh eine wirkmächtige lokale Geschichtsschreibung entwickelt hat. Sie beginnt mit der Lebensbeschreibung des Hl. Ansgar im 9. Jahrhundert, setzt sich bei Adam von Bremen im 11. Jahrhundert fort und fand ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert in den Geschichtswerken der großen Hamburger Historiker – allen voran Johann Martin Lappenberg.
Hamburg: Ruf als „Freie und Abrissstadt“
Hin und wieder bietet sich die seltene Möglichkeit, diese historischen Schilderungen durch archäologische Ausgrabungen einer modernen wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Da nämlich Hamburg seinem von Alfred Lichtwark, dem Gründungsdirektor der Kunsthalle, geprägten Ruf als „Freie und Abrissstadt“ nach wie vor gerecht wird, gibt es viele Gelegenheiten, die zahlreichen innerstädtischen Baustellen archäologisch zu begleiten. Die Zuständigkeit dafür liegt beim Archäologischen Museum Hamburg, wo auch die Hamburger Bodendenkmalpflege angesiedelt ist. So ist es dem Museum vor wenigen Jahren gelungen, die Hammaburg endlich zu identifizieren und ihre Baugeschichte lückenlos vom 8. bis zum 11. Jahrhundert zu rekonstruieren. Nach ihr hat man vor wenigen Wochen den Fundort als Hammaburg-Platz benannt, der zuvor Domplatz hieß.
NEUDATIERUNG EINES
SENSATIONSFUNDS
Wenige Schritte nördlich der Hammaburg, nur 250 Meter vom Rathaus entfernt, liegt neben der Petri-Kirche ein weiterer wichtiger Ort der Hamburgischen Geschichte, der seit 1962 unter dem Namen Bischofsburg bekannt ist. Damals entdeckte man bei Bauarbeiten ein gewaltiges kreisrundes Turmfundament von 19 Metern Durchmesser, dessen Mauern vier Meter dick sind und aus massiven Granitfindlingen bestehen. Der Ausgräber Dietrich Bohnsack, zu dieser Zeit der Hamburger Landesarchäologe, wollte in dem Fund den Wohnturm des Erzbischofs Bezelin-Alebrand erkennen, von dem kein Geringerer als der frühe Geschichtsschreiber Adam von Bremen im 11. Jahrhundert berichtet, er habe sich um 1040 einen steinernen Palast erbaut. So gab Bohnsack seiner Entdeckung den Namen Bischofsburg und schaffte es dadurch, dass das Turmfundament nicht wie geplant überbaut und somit zerstört wird, sondern als sogenanntes Archäologisches Fenster öffentlich zugänglich gemacht wurde. Seit 1969 besteht nun der unterirdische Schauraum „Bischofsburg“ und ist heute eine Filiale des Archäologischen Museums Hamburg. Diese wurde erst kürzlich komplett umgestaltet, modernisiert und um eine stimmungsvolle Lichtinszenierung sowie um spektakuläre virtuelle Rekonstruktionen bereichert.

Wenn allein der Nordturm einen Durchmesser von 19 Metern aufweist, muss das gesamte Bauwerk eine Breite von knapp 50 Metern gehabt haben. Der Vergleich zum berühmten Lübecker Holstentor mit seinen 33 Metern flößt Respekt ein und macht klar, welche Bedeutung dieses „Große Tor“ für die noch junge Stadt Hamburg gehabt haben dürfte.
Zweifel an der Interpretation als Wohnturm des Bischofs gab es allerdings bereits kurz nach seiner Entdeckung. Schon damals warnte der Direktor des Staatsarchivs Hamburg, Jürgen Bolland, dass es sich eher um den Rest eines Stadttores aus dem 12. Jahrhundert handeln dürfte. Durchsetzen konnte er sich allerdings nicht – zu schwer wogen die Argumente des Ausgräbers, der anhand charakteristischer Keramikscherben das 11. Jahrhundert für gesichert hielt. Das sollte sich aber vor wenigen Jahren ändern, als das Archäologische Museum für den Neubau einer Kita eine Ausgrabung auf der Fläche zwischen der Kirche St. Petri und der Bischofsburg durchführte. Die Archäologen konnten dort dieselben Schichtabfolgen beobachten, in die auch das Turmfundament eingetieft ist. Damit war die Möglichkeit gegeben, die Datierung des Steinringes durch eine moderne Grabung zu überprüfen. Das Ergebnis war eindeutig und bestätigte die frühen Zweifel: Nach Ausweis der aus diesen Schichten geborgenen Keramikscherben kann der Turm frühestens im späten 12. Jahrhundert, eher sogar erst im 13. Jahrhundert erbaut worden sein.
Der Bischof war somit aus dem Rennen, während die Deutung als Torturm in den Fokus gerückt ist – und aus mehreren Gründen ohnehin die höchste Plausibilität besitzt. Erstens liegt der Turm genau in der Mitte des sogenannten Heidenwalls, der ältesten Stadtbefestigung, die Hamburgs Altstadt nach Osten hin – zu den slawischen „Heiden“ – von der Alster im Norden bis zur Elbe im Süden abriegelte, und zwar exakt dort, wo die früheste Straße der Stadt, die Steinstraße, den Heidenwall durchquerte. Zweitens verorten Hamburgs ältestes Stadterbebuch und das Erbebuch der benachbarten Kirche St. Jacobi sowie auch die frühesten Hamburger Kämmereirechnungen just an dieser Stelle ein Stadttor. Es spricht folglich alles dafür, eben dieses Stadttor mit der Bischofsburg zu identifizieren. Die genannten Grundstücksverzeichnisse setzen um 1250 ein, vorher gibt es leider keine Aufzeichnungen, sodass das Tor beim Einsetzen der Erbebücher bereits vorhanden gewesen sein muss. Es wurde damals „magna porta“ genannt, das „Große Tor“. Und seine Dimensionen erscheinen wahrlich beeindruckend: Wenn allein der Nordturm – die vermeintliche Bischofsburg – einen Durchmesser von 19 Metern aufweist, muss das gesamte Bauwerk eine Breite von knapp 50 Metern gehabt haben. Der Vergleich zum berühmten Lübecker Holstentor mit seinen 33 Metern flößt Respekt ein und macht klar, welche Bedeutung dieses „Große Tor“ für die noch junge Stadt Hamburg gehabt haben dürfte.

DAS ÄLTESTE STADTSIEGEL HAMBURGS
Die Archäologen sind überzeugt, hier nicht nur Hamburgs ältestes Stadttor zu finden, sondern gleichzeitig die Ursprünge des Hamburger Wappenbildes freizulegen. Das bisher nur symbolische Tor zur Welt wäre dann eine archäologische Entdeckung.
Die archäologische Neudatierung und die Ersterwähnung des Stadttors um 1250 grenzen die Erbauungszeit auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts ein. Höchstwahrscheinlich bildete die „magna porta“ den krönenden Abschluss der erstmaligen Umfassung der Stadt durch eine Mauer um 1240. Stellen schon diese neuen Erkenntnisse und Überlegungen das bisherige Schulbuchwissen zur Bischofsburg auf den Kopf, so wird es jetzt noch mal richtig spannend: Durch die Neuinterpretation des Grabungsbefundes als Stadttor kommt nämlich das Hamburger Staatswappen ins Spiel, dessen Ursprünge ebenfalls im 13. Jahrhundert liegen. Seine heutige bekannte Form zeigt eine dreitürmige Burg, weshalb man landläufig oft glaubt, das dargestellte Gebäude zeige die namengebende Hammaburg. Bereits im Jahr 1379 wird tatsächlich in einem zwischen den Hansestädten Lübeck, Wismar und Hamburg abgeschlossenen Vertrag über gemeinsame Münzprägungen festgelegt, dass die Hamburger Münzen die „borch“, also die Burg, zeigen sollten. Dementsprechend war schon zu dieser Zeit die dreitürmige Burg das offizielle „Hamburg-Logo“, das sich auch auf diversen offiziellen Siegeln, allen voran dem großen Hamburger Stadtsiegel, wiederfindet.
Den Ursprung des Hamburger Wappenbildes sah die Forschung seit jeher in den ältesten Münzen, den sogenannten Burgbrakteaten. Diese einseitig geprägten Denare aus hauchdünnem Silberblech aus dem 12. Jahrhundert zeigen ein annähernd vergleichbares Burgmotiv, allerdings gern auch mit zwei oder fünf Türmen und somit oft gar nicht für Hamburg typisch. Dennoch schien die Herkunft des dreitürmigen Wappenbildes damit geklärt, und so ließ sich die Forschung auch nicht weiter beirren, als 1837 im Lübecker Archiv überraschend ein zuvor unbekannter Siegelabdruck auftauchte, der bis heute einzigartig ist. Er hängt an einer Urkunde aus dem Jahr 1241 und ist somit das älteste bekannte Stadtsiegel Hamburgs.

So wie in dieser Rekonstruktion könnte es ausgesehen haben. Bild: Archäologisches Museum Hamburg.
Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass sich dieses Siegelbild deutlich von seinen Nachfolgern unterscheidet, die untereinander bis auf marginale Abweichungen beinahe gussgleich wirken. Es zeigt nämlich nicht die bekannte dreitürmige Burg, sondern ohne jeden Zweifel ein Torgebäude mit zwei vorgezogenen Rundtürmen. Das Bauwerk ist so markant und detailgenau abgebildet, bis hin zu den gotischen Krabben auf dem mittleren Dach und den zinnenbekrönten Wehrplattformen auf den beiden kegelförmigen Turmhelmen, dass es wohl weniger ein idealisiertes Torsymbol, sondern vielmehr ein real existierendes Gebäude darstellt. Für ein solch bedeutendes, die Stadt repräsentierendes und den erwachenden Bürgerstolz erfüllendes Bauwerk kommt nur die „magna porta“ in Frage. Auffällig ist zudem die zeitliche Übereinstimmung der Fertigstellung der ersten Stadtmauer um 1240 mit der erstmals nachgewiesenen Verwendung des Stadtsiegels im Jahr 1241 – wodurch die hier vorgestellten Überlegungen zur Identifikation des Siegelmotivs mit dem Hamburger Stadttor unterstützt werden. Fortan sollte also die „magna porta“ den Status Hamburgs als befestigte und wehrhafte Stadt symbolisieren und fand als Motiv Eingang in das erste hamburgische Stadtsiegel.
Schon ein Jahrzehnt später hatte die blühende Hansestadt ihre engen Stadtgrenzen gesprengt, sodass eine deutlich erweiterte neue Stadtmauer die alte Umwallung überflüssig machte. Dadurch verlor das große Stadttor seine Funktion und Symbolkraft. Fortan hieß es nur noch Schultor, nach der nahe gelegenen Domschule, und wurde schließlich im 16. Jahrhundert abgebrochen. Als Siegelmotiv konnte das funktionslose Tor natürlich nicht mehr bestehen, jedoch hatte sich dieses Hamburg-Symbol inzwischen wohl schon bestens etabliert. Man wollte es also nicht vollständig ersetzen, sondern entschied sich für einen wirkungsvollen Kniff: Mit geringen Modifikationen hat man das Tor in ein symbolisches Burg-Motiv abgewandelt, die bis heute gültige „borch“.

Das Tor zur Welt
Alle historischen und archäologischen Indizien deuten nun stark darauf hin, dass mit der Bischofsburg im Jahr 1962 die Ruinen der „magna porta“ entdeckt worden sind. Seiner Lage nach gehörte das Fundament zum Nordturm, das südliche Pendant dürfte im Bereich Speersort rund drei Meter unter dem heutigen Straßenbelag seiner Entdeckung harren. Das Archäologische Museum Hamburg ist bereits in Gesprächen mit der Stadt, um im Rahmen geplanter Straßenbaumaßnahmen weitere Ausgrabungen genau an dieser Stelle durchführen zu können. Die Archäologen sind überzeugt, hier nicht nur Hamburgs ältestes Stadttor zu finden, sondern gleichzeitig die Ursprünge des Hamburger Wappenbildes freizulegen. Das bisher nur symbolische Tor zur Welt wäre dann eine archäologische Entdeckung.