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Preisträgerin 2026 Johanna Klier

Eine Straßenszene mit einem Kebab-Laden an der Ecke eines Backsteingebäudes und einer mit Graffiti beschmierten Eisenbahnbrücke darüber. Der Bereich ist mit Graffiti und Plakaten übersät, Menschen sind nicht zu sehen. Im Hintergrund sind Wohnhäuser zu sehen.
Sternbrücke, Hamburg, 2020. Foto: Johanna Klier

Der Georg Koppmann Preis für Hamburger Stadtfotografie geht in diesem Jahr an das Projekt „Archiv Sternbrücke“ der Architekturfotografin Johanna Klier. In ihrem bereits 2020 begonnenen Langzeitprojekt dokumentiert sie die Veränderungen rund um den Abriss der alten und den Bau der neuen Bundesbahnbrücke in Altona. Im Mittelpunkt des Projekts steht mit der Sternbrücke und des sie umgebenden Areals ein Ort von außergewöhnlich hoher Veränderungsdynamik, der über Jahrzehnte hinweg auch für die Hamburger Club- und Subkultur von zentraler Bedeutung war. Ihre fotografische Dokumentation der aktuellen Veränderungen wird Klier um historische Materialien und Erinnerungen zur Sternbrücke und ihrer Umgebung sowie um künstlerische Reflexionen über den Ort ergänzen.
Das Ziel ist ein besonderes Archiv, in dem die mehr als 100-jährige Entwicklung einer architektonischen und kulturellen Schnittstelle zwischen den Bezirken Eimsbüttel, Altona und Mitte festgehalten wird. Damit wird die Sternbrücke auch zum Resonanzraum zentraler Gegenwartsfragen – zwischen Veränderungsdruck und Erinnerungskultur, klimagerechter Planung, Verkehrswende und dem Ringen um stadträumliche Identität. Die Jury hat neben der hohen fotografischen Qualität der bereits entstandenen Arbeiten vor allem die konsequente und zugleich kontinuierlich weiterentwickelte Vorgehensweise der Fotografin überzeugt. Der konzeptionelle Ansatz des Projekts stellt sich auf besondere Weise in die Tradition Georg Koppmanns, nach dem der Fotopreis benannt ist.

Eine sonnenbeschienene Straßenszene unter einer Metallbrücke mit einem mit Graffiti bedeckten Gebäude mit einem Geschäft, einem geparkten Fahrrad, Ampeln und verstreuten Straßenschildern. Das Sonnenlicht erzeugt scharfe Schatten auf dem Bürgersteig.
Sternbrücke, Hamburg, 2020. Foto: Johanna Klier

Die Fotografin:

Eine Person mit kurzen braunen Haaren und heller Haut, die ein blaues Hemd trägt, blickt direkt in die Kamera, mit neutralem Gesichtsausdruck und vor einem unscharfen grauen Hintergrund.
Johanna Klier. Foto: Jonas Fischer

Johanna Klier, geboren 1980, beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem architektonischen Wandel im Hamburger Stadtbild. 2014 und 2015 resultierten aus ihrer Langzeitbeobachtung der baulichen Veränderungen in der Großen Bergstraße in Altona drei Ausstellungen; 2017 erschien im Dölling und Galitz Verlag ihr in Zusammenarbeit mit der Architekturhistorikerin Sylvia Necker entstandenes Buch „Die Große Bergstraße. Dokumentarische Ansichten einer Hamburger Einkaufsstraße“. Von 2003 bis 2009 studierte Johanna Klier Fotografie an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel sowie an der University of Westminster in London. Sie ist Mitglied im B-Movie-Kino-Kollektiv und Kuratorin im Team der dokumentarfilmwoche hamburg. Seit Oktober 2025 ist sie Studentin im Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung und Präsentation“ an der Goethe Universität Frankfurt/Main. Johanna Klier lebt in Hamburg und arbeitet als Architekturfotografin im Büro Fotografie Dorfmüller Klier.

„Während meiner fotografischen Arbeit an der Sternbrücke, die im Frühjahr 2020 begann, habe ich viele Leute getroffen, die von der Nachricht des bevorstehenden Brückenabrisses und der Schließung der dortigen Clubs in Bewegung versetzt wurden. Aus der Vielzahl von Meinungen und Perspektiven entstand die Idee, die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzungen, ob politisch oder künstlerisch, in einem neuen Archiv zu sammeln. Städtische oder staatliche Archive sind lückenhafte Materialsammlungen. Sie legen ihren Fokus meist auf historische Momente sowie auf politische Entscheidungen und bauliche Veränderungen, wodurch kritische Perspektiven in der Geschichtsschreibung nicht berücksichtigt werden. Das kulturelle Gedächtnis entsteht aber vor allem durch und mit Menschen, die an den jeweiligen Orten leben, durch ihre Erinnerungen und Erfahrungen. Die Stadt ist ein sich konstant wandelnder Raum, in dem Zeitschichten permanent überschrieben werden und der politischen Entscheidungen unterliegt, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet sind. Die Auseinandersetzungen zwischen den Stadtbewohner*innen und den Autoritäten verschwinden mit der Zeit aus den Erzählungen. Zurück bleibt der gebaute Raum, den ich in meinen Fotografien dokumentiere. Ich freue mich, dass sich die Jury des Georg Koppmann Preises für mein Projekt ‚Archiv Sternbrücke‘ entschieden hat und so die Weiterentwicklung meiner fotografischen Arbeit und des Archivs unterstützt und sichtbar macht.“

DIE JURY:

„Mit ihrem Projekt ‚Archiv Sternbrücke‘ gelingt Johanna Klier eine außergewöhnlich vielschichtige und atmosphärisch dichte Dokumentation eines Ortes, der wie kaum ein anderer für die Dynamik, Herausforderungen und Chancen städtischer Entwicklung in Hamburg steht. Die Sternbrücke verbindet nicht nur Stadtteile, sondern auch Menschen, Geschichten und Generationen, sie steht für Identität und die kulturelle Vielfalt unserer Stadt. Kliers Fotografien zeigen eindrucksvoll, wie die Stadtentwicklung auf Architektur, Nachbarschaften, Verkehr und Kultur wirkt – wie sich Wandel an einem zentralen Ort unserer Stadt vollzieht. Besonders beeindruckt mich, wie es ihr gelingt, die verschiedenen Zeitschichten und Facetten dieses Ortes sichtbar zu machen und so ein lebendiges Archiv zu schaffen, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Ich gratuliere Johanna Klier herzlich zum Georg Koppmann Preis 2026 und danke ihr für ihren wichtigen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis unserer Stadt.“

Karen Pein, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen

„Die Darstellung von Transformationsprozessen in der Stadtentwicklung ist für historische Museen von zentraler Bedeutung. Ohne die umfangreichen fotografischen Arbeiten von Georg Koppmann wäre der visuelle Zugang zu den gravierenden Veränderungen in Hamburg am Ende des 19. Jahrhunderts kaum möglich. Johanna Kliers Ansatz, die Neugestaltung der Sternbrücke und ihrer Umgebung als Teil eines Archivs zur 100-jährigen Entwicklung dieses wirtschaftlich und kulturell wichtigen Knotenpunkts zu dokumentieren, passt somit sehr gut zu den Prämissen unserer Museumsarbeit. Auf die Ergebnisse des Projekts, das die Arbeiten der bisherigen Georg Koppmann Preisträgerinnen und Preisträger um eine besondere weitere Perspektive ergänzt, bin ich sehr gespannt.“

Hans-Jörg Czech, Vorstand und Direktor der SHMH

 

Weitere Jurymitglieder

Frau Prof. Katja-Annika Pahl
Hochschule Bremen

Stefanie Grebe
Leiterin des Fotoarchivs Ruhr Museum Essen

Anna Gripp
Chefredakteurin der Zeitschrift PHOTONEWS

Prof. Linn Schröder
Professor für Fotografie an der HAW Hamburg

Lars Lindemann
Kuratorischer Projektleiter