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Eine rote Gebäudefassade mit drei Metallbalkonen und geometrischen Graffiti, daneben ein weißer Wohnungsteil mit leuchtend blauen Vorhängen. Unten sind ein Straßenschild und ein Zaun zu sehen.
St. Pauli

Lachen, um nicht zu weinen

Peter Lindhorst über Enver Hirschs Fotografien

Prolog

Stellen wir uns die Situation so vor: gerade nach Hause gehetzt, draußen ist es ungemütlich, aus den Schuhen geschlüpft, ein Bier im Kühlschrank gegriffen, du lässt dich in den Sessel fallen, schaltest den Fernseher ein, als dich die Türklingel aus der Feierabendruhe schreckt. Der Vorsatz, jegliche Störung zu ignorieren, wird nach dem zweiten, jetzt energischeren Klingeln aufgegeben. Du schlurfst zur Tür. Dort steht jemand, der ein merkwürdiges Anliegen vorträgt.

 

Enver Hirsch radelt durch Hamburgs Straßen, er bewegt sich durch vertrautes Terrain, manchmal verirrt er sich auch in die Peripherien der Stadt. Gewohnheiten können den Blick sehr verunschärfen. Im Gehirn sorgen Mechanismen dafür, dass vieles von dem, was die Sinne aufnehmen, ausgeblendet wird, was der Entlastung dient. Ohne diese Ausblendfunktion wären wir überfordert vom ständigen Ordnen des Stetswiederkehrenden. Doch Enver Hirsch ist nicht blind für das, was ihn umgibt, er öffnet seine innere Schleuse, um die urbane Komplexität einströmen zu lassen. Wer ihn bei seinem Treiben beobachten würde, könnte sich wundern, warum er urplötzlich abbremst.

 

Dann steht er da, den Blick einer Fassade zugewandt. Er geht ein paar Schritte vor, wieder zurück, umkreist das Gebäude, um schließlich ein schnelles Foto mit dem Telefon als Erinnerungshilfe zu machen. Ihm ist bewusst, dass es oft der Alltag ist, spezielle Bedingungen und begrenzte Ressourcen, die das städtische Erscheinungsbild entscheidend mitbestimmen. Das Urbane stellt sich als Flickenteppich dar. Und so sind die Exaltiertheiten der vorgefundenen Gebäude ein gefundenes Fressen für ihn; er staunt über Baukörper, die auf abenteuerliche Weise an Bestehendes angestückt werden und amüsiert sich über aberwitzige Detaillösungen, die jeden Bezug zu der sie umgebenden Ästhetik aufgeben. Einige Tage später wird er tatsächlich wiederkommen. Dann wird er als Fotograf unterwegs sein, nicht als radfahrender Passant.

 

Ein rot-weißes Gebäude mit großen, durch Jalousien abgedeckten Fenstern, einem verglasten Balkon darüber und einem Topfkaktus, der durch ein Fenster im Erdgeschoss sichtbar ist. Der Bürgersteig und ein Teil eines Nachbargebäudes sind ebenfalls zu sehen.
Lokstedt
Ein weißes, dreistöckiges Gebäude mit hohen Fenstern und einem verglasten Balkon steht neben einem Backsteingebäude, umgeben von blattlosen Bäumen und Sträuchern unter einem trüben, bewölkten Himmel.
Eimsbüttel
Eine Glastür und große Fenster sind in eine verwitterte Betonwand eingelassen, in deren Nähe ein dunkles Auto geparkt ist. Im Inneren sind kleine Pflanzen und Gegenstände zu sehen; ein Teil der Wand ist mit Efeu bewachsen, und die untere rechte Seite ist mit Graffiti beschmiert.
Eimsbüttel
Ein hohes, einzigartig geformtes Gebäude aus Ziegeln und Beton steht in der Abenddämmerung zwischen blattlosen Bäumen. Der Himmel ist bewölkt und orangefarben, und im Vordergrund verlaufen Stromleitungen. Mehrere Fenster des Gebäudes sind beleuchtet.
Stellingen
Ein historisches Steingebäude mit Kuppel und gewölbtem Eingang mit der Aufschrift ECKE 4 steht nachts im Schein der Straßenlaternen neben einem modernen Geschäft mit Glasfassade, über dem eine Flagge weht.
St. Pauli
Ein modernes weißes Hochhaus mit rechteckigen Fenstern verfügt über einen erhöhten Gehweg, der zwei Bereiche miteinander verbindet. Im Vordergrund sind Bäume und eine Straßenlaterne zu sehen. Das Gebäude hat ein klares, geometrisches Design.
Hammerbrook
Ein modernes weißes Gebäude mit großen Fenstern und einer ungewöhnlichen Schräge, fotografiert in der Abenddämmerung. Einige Fenster sind von innen beleuchtet, und draußen ist ein Fahrrad an einem Geländer abgestellt. Im Hintergrund sind hohe Bäume zu sehen.
Eimsbüttel
Ein modernes, weißes Gebäude mit dreieckigem Dach, das mit Graffiti beschmiert ist, steht an einer Straße, umgeben von einem Zaun und Bäumen, mit hohen Wohnhäusern im Hintergrund und einem Sitzbereich im Freien.
St. Pauli
Eine Nahaufnahme einer roten Backsteinfassade zeigt ein kleines Erkerfenster mit Holzrahmen und weißen Vorhängen. Im Inneren des Fensters sind Grünpflanzen zu sehen. Das Gebäude hat mehrere Fenster und ein Abflussrohr.
Wilhelmsburg
Ein kleines, verwittertes Gebäude mit einem grün umrandeten Fenster ist an ein größeres Gebäude angebaut. Überwucherte Pflanzen, Schutt und Holzreste füllen den Bereich darunter. Die Szene ist nachts beleuchtet.
Harburg
Ein modernes Wohnhaus mit braunem Backstein und weißen Balkonen. Zwei große, glänzende Metallrohre verlaufen vertikal an der Fassade entlang. Das Foto wurde in der Abenddämmerung aufgenommen, wobei in einigen Wohnungen Licht brennt.
Harvestehude
Ein modernes Haus mit weißer Fassade und roten Backsteinakzenten, kantigen Dächern, großen Fenstern und einem roten Auto, das vor dem Haus parkt. Ein blattloser Baum steht direkt vor dem Haus und verdeckt es teilweise.
Hummelsbüttel
Ein Wohnhaus aus Backstein mit zwei blauen Balkonen, die von leuchtend roten Balken getragen werden. Vor dem Gebäude wachsen grüne Sträucher, und auf dem unteren Balkon sind einige Pflanzen zu sehen.
Eimsbüttel
Ein Backsteingebäude mit Rundbogenfenstern beherbergt das Caféwerk. Ein großes weißes Kreuz steht daneben, über einem kleinen Eingang. Auf der Straße ist eine grüne Ampel zu sehen, mit Bäumen im Hintergrund in der Dämmerung.
Harburg
Ein modernes Gebäude mit einem großen, weißen, geschwungenen Dach wurde über eine ältere, rote Backsteinfassade gebaut, so dass sich an einer nächtlichen Straßenecke historische und zeitgenössische Baustile vermischen.
St. Pauli
Ein gelbes Haus mit rotem Dach und orangefarbenen Fensterläden steht bei Nacht an einer Straße. Sträucher umgeben das Haus, und an einer niedrigen Mauer davor sind Plakate zu sehen. Auf dem Dach sind Sonnenkollektoren angebracht.
Wilhelmsburg
Ein weißes Wohnhaus bei Nacht mit mehreren beleuchteten und unbeleuchteten Fenstern, einige mit Vorhängen und Pflanzen. Links steht ein kahler Baum, rechts ein modernes Gebäude mit Glasfassade.
St. Georg
Eine rote Gebäudefassade mit drei Metallbalkonen und geometrischen Graffiti, daneben ein weißer Wohnungsteil mit leuchtend blauen Vorhängen. Unten sind ein Straßenschild und ein Zaun zu sehen.
St. Pauli
Ein großes, historisches Haus mit weißem und rotem Backstein steht in der Abenddämmerung hinter einem schwarzen Eisenzaun. Durch die Fenster sind warme Lichter zu sehen, und kahle Bäume verdunkeln das Gebäude teilweise.
Bahrenfeld
Ein weißes zweistöckiges Haus mit Topfpflanzen in den Fenstern ist in der Dämmerung beleuchtet. Eine Treppe führt zu einer blauen Tür auf der linken Seite, ein kleines quadratisches Fenster und Backsteinakzente auf der rechten Seite des Gebäudes.
Lokstedt
Eine Straßenansicht eines Gebäudes mit modernen Wohnungen oben und einer älteren, mit Graffiti beschmierten Fassade unten. Vor dem Haus sind Fahrräder geparkt, und eine Person mit einem Hund geht auf der nächtlichen Kopfsteinpflasterstraße vorbei.
Altona-Altstadt
Ein Gebäude mit einem Fenster und einem Zaun.
Altona-Nord
Ein schmales Backsteingebäude mit abgerundeten Kanten und sichtbaren Balkonen steht nachts an einer schlichten, fensterlosen Wand. Mehrere Fenster sind beleuchtet, und blattlose Baumzweige umrahmen die Szene auf der linken Seite.
Eimsbüttel
Ein modernes weißes Haus bei Nacht mit einer von warmen gelben Lichtern beleuchteten Außentreppe, umgeben von Bäumen und einem Metallzaun. Das Haus hat große Fenster und eine Backsteinmauer an der Vorderseite.
Groß Borstel
Ein modernes weißes Haus bei Nacht mit beleuchteten Fenstern, einem dunklen eckigen Dach und einem verglasten oberen Raum, umgeben von blattlosen Bäumen und Büschen.
Lokstedt
Ein graues Gebäude mit weißen Verkleidungen weist ein hohes, freiliegendes, isoliertes Lüftungsrohr aus Metall auf, das vom Dach an der Fassade herunterläuft. Die Fenster in der Nähe sind beleuchtet, und die Äste der Bäume zeichnen sich gegen den Abendhimmel ab.
Eimsbüttel
Ein weißes, modernes Wohnhaus bei Nacht mit Graffiti im Erdgeschoss und kahlen Bäumen in der Nähe. Die Fenster sind von innen beleuchtet und der Himmel ist dunkel und bewölkt. Im Vordergrund sind eine Straßenlaterne und ein Verkehrssignal zu sehen.
Eimsbüttel
Ein modernes Gebäude mit großen, blau getönten Glasfenstern steht zwischen zwei älteren, verschnörkelten Gebäuden. Die moderne Fassade steht im Kontrast zu der traditionellen Architektur auf beiden Seiten. Einige Innenleuchten sind durch die Fenster sichtbar.
Altstadt
Ein zweistöckiges Haus mit einem traditionellen roten Ziegeldach und einer oberen Backsteinfassade, kombiniert mit einem modernen Untergeschoss mit horizontaler Holzvertäfelung und großen Fenstern, fotografiert in der Abenddämmerung.
Hummelsbüttel
Ein moderner weißer zylindrischer Bau ist an ein älteres rotes Backsteingebäude angebaut, mit einem Fenster auf der linken Seite und Bäumen im Hintergrund. Ein beleuchteter Weg führt an dem Gebäude vorbei.
Barmbek-Süd
Eine Seitenansicht eines Backsteinwohnhauses mit mehreren modernen weißen Balkonen und einem kleinen weißen Zaun davor. Ein rosa blühender Baum steht in der Nähe, und das Foto scheint in der Dämmerung oder nachts aufgenommen worden zu sein.
Barmbek-Süd
Ein weißes Wohnhaus mit überwucherten Büschen davor, mehreren Fenstern - eines davon offen - und einem großen Familienfoto im Freien an der Fassade, unter einem dunklen, bewölkten Himmel.
Eidelstedt
Ein mehrstöckiges weißes Gebäude in der Abenddämmerung mit großen Fenstern, Balkonen und Efeu an den Wänden. Warme Lichter erhellen die Innenräume, und der Himmel ist dunkelblau. Der Boden vor dem Gebäude ist gepflastert und leer.
Altona-Nord
Eine gelbe Gebäudefassade mit zwei großen runden Fenstern auf beiden Seiten einer schmalen zentralen Tür; darüber befinden sich zwei rechteckige Fenster, und Pflanzen umrahmen den Eingang.
Eimsbüttel
Ein modernes Gebäude mit einer wellenförmigen Metallgitterfassade neben einem höheren Gebäude mit einem Gittermuster aus Fenstern, das in der Abenddämmerung durch künstliches Licht beleuchtet wird.
Barmbek-Süd
Eine Gebäudefassade mit mehreren weiß gerahmten Fenstern, die in warmem, gelbem Licht erstrahlen, darunter ein ungewöhnlicher kleiner Abschnitt mit drei winzigen, schräg angeordneten Fenstern und freiliegenden Wandstellen.
Hoheluft-West
Ein hohes, weißes, modernes Gebäude mit vielen Antennen auf dem Dach steht nachts beleuchtet da, umgeben von Bäumen und Grün, mit einem bewölkten Himmel über sich.
Bahrenfeld
Eine zugemauerte Tür in einem braunen und weißen Gebäude, mit ungleichmäßigen Ziegeln, die den Eingang ausfüllen. Ein kleines Fenster befindet sich über dem zugemauerten Bereich, und auf den Ziegeln sind einige Graffiti zu sehen. Gras wächst entlang des Mauersockels.
Harburg

Der Fotograf:

Porträtfoto von Enver Hirsch.
Enver Hirsch

Enver Hirsch, geboren 1968 in Hamburg, ist Fotograf, Buchautor und Journalist. Er studierte von 1989 bis 1992 Fotografie am Bournemouth and Poole College of Art and Design in England. In seiner fotografischen Arbeit konzentriert sich Hirsch auf die absurden Spuren, die Menschen im urbanen Raum hinterlassen. Er interessiert sich für Objekte, die ohne künstlerische Absicht entstanden sind und durch seine Fotografie eine skulpturale Qualität erhalten. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und in verschiedenen Publikationen veröffentlicht. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen unter anderem “Der Mops” (2005), “Generation Großmutter” (2007), “Toast Hawaii” (2008), “Bangkok Curbside” (2014) und “Behelfsheim” (2020). Neben seiner künstlerischen Tätigkeit arbeitet Hirsch für zahlreiche Magazine, darunter GEO, Greenpeace Magazin, Brand Eins und Die Zeit. Seit 2015 lehrt er an verschiedenen Hochschulen und unterrichtet seit 2019 regelmäßig an der Hochschule Hannover.

 

„In meinen persönlichen Foto-Projekten interessieren mich vor allem die seltsamen Spuren, die der urbane Mensch im Laufe seines Lebens im Stadtbild hinterlässt. Insbesondere mag ich informelle und provisorische Eingriffe in die Architektur und den öffentlichen Raum. Nach meiner Arbeit, die ich gemeinsam mit Philipp Meuser über Hamburger Behelfsheime realisiert habe, mache ich mich nun auf die Suche nach individuellen Gebäude-Interventionen, die ästhetisch und funktional gesehen diskussionswürdig, aber auch sehr komisch sind.“

DIE JURY:

„Hamburg ist bunt und offen für Gegensätze. Auch das macht den Charme und die Schönheit unserer Stadt aus und zeigt sich auch in der Architektur der Hansestadt. Enver Hirsch lenkt mit seinem Werk den Blick auf diese kleinen Brüche in Hamburgs Stadtbild. Er lässt uns zweimal hinschauen und sorgt dabei für neue Perspektiven und Denkanstöße, insbesondere dann, wenn es um die manchmal skurrilen Zeugnisse menschlicher Aneignung geht. Ich gratuliere dem diesjährigen Preisträger herzlich zum Georg Koppmann Preis und freue mich auf die nächsten spannenden Ecken und Kanten, die Enver Hirsch im Rahmen seines Projekts in den Sucher nimmt.“

Karen Pein, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen

„Beim typischen Hamburger Stadtbild denken wir oft zunächst an klassische Backstein-Architektur, an elegante Gründerzeithäuser oder an modern designte Hotel- und Geschäftsgebäude. Doch bei genauerem Hinschauen fallen einem in vielen Stadtteilen Gebäude auf, an denen stilistisch individuelle Erweiterungen und Umgestaltungen zu speziellen Effekten und zuweilen kuriosen Widersprüchen geführt haben. In manchen Fällen lösen diese Verwunderung aus, in anderen lassen sie einen schmunzeln. Enver Hirsch verfolgt mit seinem Projekt den fotografisch-künstlerischen Ansatz, diese Irritationen im urbanen Raum ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und zum Nachdenken über Kriterien wie Schönheit und Homogenität anzuregen.“

Hans-Jörg Czech, Vorstand und Direktor der SHMH