
Lachen, um nicht zu weinen
Peter Lindhorst über Enver Hirschs Fotografien
Prolog
Stellen wir uns die Situation so vor: gerade nach Hause gehetzt, draußen ist es ungemütlich, aus den Schuhen geschlüpft, ein Bier im Kühlschrank gegriffen, du lässt dich in den Sessel fallen, schaltest den Fernseher ein, als dich die Türklingel aus der Feierabendruhe schreckt. Der Vorsatz, jegliche Störung zu ignorieren, wird nach dem zweiten, jetzt energischeren Klingeln aufgegeben. Du schlurfst zur Tür. Dort steht jemand, der ein merkwürdiges Anliegen vorträgt.
Enver Hirsch radelt durch Hamburgs Straßen, er bewegt sich durch vertrautes Terrain, manchmal verirrt er sich auch in die Peripherien der Stadt. Gewohnheiten können den Blick sehr verunschärfen. Im Gehirn sorgen Mechanismen dafür, dass vieles von dem, was die Sinne aufnehmen, ausgeblendet wird, was der Entlastung dient. Ohne diese Ausblendfunktion wären wir überfordert vom ständigen Ordnen des Stetswiederkehrenden. Doch Enver Hirsch ist nicht blind für das, was ihn umgibt, er öffnet seine innere Schleuse, um die urbane Komplexität einströmen zu lassen. Wer ihn bei seinem Treiben beobachten würde, könnte sich wundern, warum er urplötzlich abbremst.
Dann steht er da, den Blick einer Fassade zugewandt. Er geht ein paar Schritte vor, wieder zurück, umkreist das Gebäude, um schließlich ein schnelles Foto mit dem Telefon als Erinnerungshilfe zu machen. Ihm ist bewusst, dass es oft der Alltag ist, spezielle Bedingungen und begrenzte Ressourcen, die das städtische Erscheinungsbild entscheidend mitbestimmen. Das Urbane stellt sich als Flickenteppich dar. Und so sind die Exaltiertheiten der vorgefundenen Gebäude ein gefundenes Fressen für ihn; er staunt über Baukörper, die auf abenteuerliche Weise an Bestehendes angestückt werden und amüsiert sich über aberwitzige Detaillösungen, die jeden Bezug zu der sie umgebenden Ästhetik aufgeben. Einige Tage später wird er tatsächlich wiederkommen. Dann wird er als Fotograf unterwegs sein, nicht als radfahrender Passant.






































Der Fotograf:

Enver Hirsch, geboren 1968 in Hamburg, ist Fotograf, Buchautor und Journalist. Er studierte von 1989 bis 1992 Fotografie am Bournemouth and Poole College of Art and Design in England. In seiner fotografischen Arbeit konzentriert sich Hirsch auf die absurden Spuren, die Menschen im urbanen Raum hinterlassen. Er interessiert sich für Objekte, die ohne künstlerische Absicht entstanden sind und durch seine Fotografie eine skulpturale Qualität erhalten. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt und in verschiedenen Publikationen veröffentlicht. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen unter anderem “Der Mops” (2005), “Generation Großmutter” (2007), “Toast Hawaii” (2008), “Bangkok Curbside” (2014) und “Behelfsheim” (2020). Neben seiner künstlerischen Tätigkeit arbeitet Hirsch für zahlreiche Magazine, darunter GEO, Greenpeace Magazin, Brand Eins und Die Zeit. Seit 2015 lehrt er an verschiedenen Hochschulen und unterrichtet seit 2019 regelmäßig an der Hochschule Hannover.
„In meinen persönlichen Foto-Projekten interessieren mich vor allem die seltsamen Spuren, die der urbane Mensch im Laufe seines Lebens im Stadtbild hinterlässt. Insbesondere mag ich informelle und provisorische Eingriffe in die Architektur und den öffentlichen Raum. Nach meiner Arbeit, die ich gemeinsam mit Philipp Meuser über Hamburger Behelfsheime realisiert habe, mache ich mich nun auf die Suche nach individuellen Gebäude-Interventionen, die ästhetisch und funktional gesehen diskussionswürdig, aber auch sehr komisch sind.“
DIE JURY:
„Hamburg ist bunt und offen für Gegensätze. Auch das macht den Charme und die Schönheit unserer Stadt aus und zeigt sich auch in der Architektur der Hansestadt. Enver Hirsch lenkt mit seinem Werk den Blick auf diese kleinen Brüche in Hamburgs Stadtbild. Er lässt uns zweimal hinschauen und sorgt dabei für neue Perspektiven und Denkanstöße, insbesondere dann, wenn es um die manchmal skurrilen Zeugnisse menschlicher Aneignung geht. Ich gratuliere dem diesjährigen Preisträger herzlich zum Georg Koppmann Preis und freue mich auf die nächsten spannenden Ecken und Kanten, die Enver Hirsch im Rahmen seines Projekts in den Sucher nimmt.“
Karen Pein, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen
„Beim typischen Hamburger Stadtbild denken wir oft zunächst an klassische Backstein-Architektur, an elegante Gründerzeithäuser oder an modern designte Hotel- und Geschäftsgebäude. Doch bei genauerem Hinschauen fallen einem in vielen Stadtteilen Gebäude auf, an denen stilistisch individuelle Erweiterungen und Umgestaltungen zu speziellen Effekten und zuweilen kuriosen Widersprüchen geführt haben. In manchen Fällen lösen diese Verwunderung aus, in anderen lassen sie einen schmunzeln. Enver Hirsch verfolgt mit seinem Projekt den fotografisch-künstlerischen Ansatz, diese Irritationen im urbanen Raum ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und zum Nachdenken über Kriterien wie Schönheit und Homogenität anzuregen.“
Hans-Jörg Czech, Vorstand und Direktor der SHMH