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Jüdische Geschichte und Kultur in Hamburger Museen Wegmarken Jüdischer Geschichte

Jüdische Geschichte und Kultur in Hamburger Museen

Der Rabbiner Max Grunwald und andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde wollten bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert jüdische Geschichte und Kultur in Hamburg museal präsentieren. Sie gründeten 1898 die Gesellschaft für jüdische Volkskunde mit dem Ziel, ein Museum einzurichten. Sie begannen eine rege Sammeltätigkeit und trugen Objekte aus dem religiösen Alltag, Münzen, Bücher und kunstgewerbliche Erzeugnisse zusammen.

Öffentlich ausgestellt wurde die Sammlung an wechselnden Orten wie dem jüdischen Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde, Privatwohnungen oder in Räumen der Patriotischen Gesellschaft. 1913 bekam sie einen dauerhaften Platz im Neubau des damaligen Museums für Völkerkunde. Die Nationalsozialisten verfügten 1934 ihre Entfernung aus der Ausstellung. Schon seit um 1900 waren religiöse Objekte als Judaika im Museum für Kunst und Gewerbe, im Altonaer Museum und im Museum für Hamburgische Geschichte gesammelt worden.

Schwarz-Weiß-Foto des Innenraums einer Synagoge mit einer verzierten Tora-Arche, einer Bimah mit Geländer, einer Menora, Kronleuchtern und einem gemusterten Fliesenboden. Große Fenster mit Jalousien lassen Licht hinter der Arche herein.
Blick in den „Jüdischen Kultraum“ im Altonaer Museum um 1915, Foto Emil Puls, SHMH, Altonaer Museum

Hamburger Ausstellungen nach 1945

In den 1970er Jahren wurde die Musealisierung jüdischer Geschichte erneut diskutiert. Akteur*innen waren etwa der Publizist Erich Lüth und Naftali Bar-Giora-Bamberger, Sohn von Simon Simcha Bamberger, dem letzten „Betreuer“ der Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. Lüth forderte, das Museum für Hamburgische Geschichte solle der jüdischen Geschichte eine eigene Abteilung widmen. Ende 1991 wurde dort die Sonderausstellung „Vierhundert Jahre Juden in Hamburg“ eröffnet, 1997 eine ständige Präsentation.

Ein „Jüdischer Kultraum“ im Altonaer Museum

Von 1914 bis 1933 gehörte ein „Jüdischer Kultraum“ zur Dauerausstellung des Altonaer Museums. Zu sehen waren Teile einer Synagogeneinrichtung und weitere religiöse Objekte. Die Exponate hatte das Museum entweder angekauft oder von der jüdischen Gemeinde sowie jüdischen Privatpersonen geliehen. An der Konzeption waren diese nicht beteiligt. Um 1930 stellte auch die Gesellschaft für jüdische Volkskunde Stücke aus ihrer Sammlung als Leihgaben zur Verfügung.

Die Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde

Neben Kulturgut wie Liedtexten und Sprichwörtern trug die Gesellschaft für jüdische Volkskunde etwa 400 Objekte zusammen. Diese Sammlung entstand durch Ankäufe und Schenkungen von Mitgliedern, die in Hamburg, aber auch Prag oder New York lebten. Heute ist der größte Teil der Sammlung verschollen. Im Rahmen zweier Projekte zur Provenienzforschung konnten neun Objekte im Museum am Rothenbaum identifiziert werden, zwei weitere am Altonaer Museum.

Initiativen für ein Jüdisches Museum in Hamburg im 21. Jahrhundert

2004 gründete Johannes Missall den Förderverein „Jüdisches Museum Hamburg“. Ziel war ein Museum, das bereits bestehende Institutionen vernetzen und die Lebendigkeit und Vielschichtigkeit jüdischen Lebens in Hamburg zeigen sollte. Das Projekt konnte nicht realisiert werden und der Verein löste sich 2013 auf. Anlässlich der seit 2024 wiederauflebenden Diskussion über ein Jüdisches Museum gründet sich 2026 ein Freundeskreis.

Bildunterschriften

Sammlungen zur jüdischen Volkskunde

Schriftstück, 1896, Reproduktion

1896 gaben der Rabbiner Max Grunwald und Mitstreiter den ersten ethnografischen Fragebogen heraus, der sich speziell auf jüdische Volkskunde bezog. Sie suchten nach Kulturgut wie Trachten, Dialekten, Bräuchen und den Rufnamen von Haustieren, um so der Frage nach jüdischer Identität nachzugehen.

Blick in den Lesesaal des Logenheims

Das Logenheim in Hamburg. Festschrift. Erinnerung an die Einweihung. Sonntag, den 28. August 1904, S. 59, Druckwerk, Reproduktion, Staatsarchiv Hamburg, Signatur A 870/59

Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde nutzte seit 1904 Räume im Logenheim der jüdischen Henry-Jones-Loge im Grindelviertel. Sie hatte dort ihre Bibliothek und zeigte einzelne Teile aus der ständig wachsenden Objekt-Sammlung. Auch andere jüdische Einrichtungen hatten dort Räume, etwa der Jugendverband.

Blick in den „Jüdischen Kultraum“ im Altonaer Museum

Emil Puls, Fotografie, um 1915, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1928-43

In der Mitte der Synagogen-Inszenierung befindet sich ein Lesepodest, daneben sind Bet-Bänke zu sehen. Dahinter ist ein Thoraschrein mit geschlossenem Vorhang aufgestellt. Der große Chanukka-Leuchter aus Silber gehört heute noch zur Museums-Sammlung.

Objektpräsentation im „Jüdischen Kultraum“

Franz Rompel, Fotografie, um 1930, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1931-19,1

Um 1930 wurden regelmäßig kleine Ausstellungen besonderer Objekte im Kultraum präsentiert. Das Foto zeigt drei thematisch organisierte Tische mit Objekten aus der eigenen Sammlung, gemischt mit Leihgaben. Eines der Messer stammt möglicherweise aus der Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde.

 

Max Grunwald, Rabbiner und Volkskundler, 1871–1953

Max Fenichel, Fotografie, nicht datiert, Österreichische Nationalbibliothek, Signatur Pf 29548 : C (1), 00370656

Max Grunwald wurde 1895 der erste Rabbiner der Neuen Dammtor Synagoge unter dem Dach der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. 1898 gründete er die Gesellschaft für jüdische Volkskunde mit. Auch nachdem er 1903 als Rabbiner nach Wien gegangen war, gab er weiterhin die Mitteilungshefte der Gesellschaft heraus.

Etrog-Dose

Silber, Stempel: Lazarus Posen,1849, SHMH-Altonaer Museum, Inv-Nr. 1913-19

Im März 1913 kaufte das Altonaer Museum eine silberne Dose vom jüdischen Kunsthändler Julius Hirsch an. Auf der Rechnung wird das Objekt als „Etrog-Dose“ bezeichnet. Über seine Vorgeschichte ist nichts bekannt. Der schwarze Holzsockel wurde später zu Ausstellungszwecken hinzugefügt.

Nachbildung einer Etrog-Frucht

Bemalte Gipsabformung, um 1913, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. AB13070

Der Etrog ist eine Zitronenart, die beim Sukkotfest verwendet wird. Da die Frucht dabei absolut unversehrt sein muss, wird sie zum Schutz oft in Dosen gelagert. Die Nachbildung aus Gips wurde als Ausstellungsstück für das Altonaer Museum angefertigt und dort zusammen mit der Etrog-Dose gezeigt.

Waschbecken und Kanne

Zinn, 18. Jahrhundert, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1945-13, 1945-14

Laut Inventarbuch wurde das Geschirr dem Altonaer Museum 1945 von „der jüdischen Gemeinde Hamburg“ geschenkt. 2025 entdeckte eine Provenienz-Forscherin an der Unterseite die Inventarnummern der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. Die bisherige Information zum Zugang ist offensichtlich falsch.

Spitzglas mit Widmungsinschrift

Glas mit Gravur, 1800–1850, Sammlung Gesellschaft für jüdische Volkskunde, MARKK 29.1:174

Samuel Leibowitz, eines der Vorstandsmitglieder, schenkte das Glas 1903 der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. Aufgrund seiner Inschrift hat eine Provenienz-Forscherin es 2023 im Bestand des Museums am Rothenbaum als Teil der Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde identifiziert.

Kasten mit Inventarkarten

Karteikarte zur Erfassung eines Spitzglases, Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt

Seit 1913 war die Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde als Leihgabe am Museum am Rothenbaum. Das Museum dokumentierte den Bestand auf Inventarkarten. Ab 1929 wurden Inventarnummern vergeben. Heute erlauben die Informationen aus der Kartei und die Inventarnummern auf den Objekten eine eindeutige Identifizierung der Objekte.

„Ehemals in Hamburg zu Hause. Jüdisches Leben am Grindel“, 1986/87

Ausstellungskatalog, Museum für Hamburgische Geschichte, Ulrich Bauche (Hrsg.), 1986

Die Initiative zur Ausstellung kam von ehemaligen jüdischen Hamburger*innen, die mittlerweile in Israel lebten. Sie lieferten Material und halfen bei der Sichtung von Judaika aus Hamburger Museen, die gezeigt werden sollten. Die ehemalige Talmud-Tora-Schule am Grindel war einer der Orte, an denen die Ausstellung gezeigt wurde.

„Vierhundert Jahre Juden in Hamburg“, 1991/1992

Ausstellungskatalog, Museum für Hamburgische Geschichte, Ulrich Bauche (Hrsg.), 1991

Die Sonderausstellung zeigte auf großer Fläche die Ergebnisse der Arbeit, die schon 1986/1987 in kleinerem Rahmen vorgestellt worden war. Der Fuß des Chanukkaleuchters, der Plakate und Katalog schmückte, war 1989 im Depot des Altonaer Museums entdeckt und nach der Ausstellung an die jüdische Gemeinde zurückgegeben worden.

„Juden in Hamburg“, 1997–2023

Begleitheft zur Ausstellung, Museum für Hamburgische Geschichte, Ortwin Pelc/Jörgen Bracker (Hrsg.), 1987

Als Fortführung der Sonderausstellung von 1991/1992 wurde eine eigene Abteilung eingerichtet. Ein Großteil der damals gezeigten Objekte stand nun allerdings nicht mehr zur Verfügung. Zunächst hatten die Ausstellungsinhalte mit der Shoah geendet, wurden aber nach einigen Jahren um die Zeit nach 1945 erweitert.

„Schatten. Jüdische Kultur in Altona und Hamburg“, 1998

Ausstellungskatalog, Altonaer Museum mit einem Beitrag von Miriam Gillis-Carlebach, Mitarbeit u.a. Torkild Hinrichsen, Jens Huckeriede, Karin Walter, Gerhard Kaufmann (Hrsg.), 1998

In der Sonderausstellung des Altonaer Museums wurden „jüdische Orte“ Altonas und Judaika der eigenen Sammlung vorgestellt. Im Mittelpunkt stand die „Sammlung Salzberg“, die sich seit 1993 am Museum befindet. Sie besteht aus der Wohnungseinrichtung des jüdisch-christlichen Ehepaars Frida und Max Salzberg.

„Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MK&G“, 2014–2021

Ausstellungskatalog Museum für Kunst & Gewerbe, Sabine Schulze und Silke Reuther (Hrsg.), 2014

Die Ausstellung gab Einblick in ein Projekt, das sich mit der Herkunft von Objekten im MK&G beschäftigt hatte. Vorgestellt wurden rund 100 Gegenstände, die während oder nach der NS-Zeit erworben worden waren. Inventarbücher und Auktionskataloge informierten über die Arbeitsweise der Provenienzforschung.

„Jüdische Kinderwelten – die Geschichte der Israelitischen Töchterschule“, neue Dauerausstellung seit 2025

Flyer, Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule (Hrsg.), 2025

Die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule wurde 1989 gegründet. Sie befindet sich im oberen Stockwerk des ehemaligen Schulgebäudes im Karolinenviertel. 2025 wurde eine neue Dauerausstellung eröffnet, die über die Geschichte der Schule und das Leben der Schülerinnen informiert.

Online-Ausstellungen der „Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte“

https://schluesseldokumente.net/, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.), seit 2015

Die Online-Quellenedition vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) stellt Dokumente zur hamburgisch-jüdischen Geschichte vor. Daneben gibt es Online-Ausstellungen, etwa „Jüdisches Leben seit 1945“ oder „Objektgeschichte(n). Eine Sammlung zur jüdischen Volkskunde“.

Glossar

GENDERGERECHTE SPRACHE

Für die gezeigten Ausstellungtexte wurde einegendergerechte Schreibweise genutzt. In Fällen,in denen es inhaltlich geboten ist, wurde bewusst nur die männliche Form gewählt.

JUDAIKA

Judaika ist ein Sammelbegriff für jüdische religiöse und kunsthandwerkliche Objekte und Schriften, aber auch Literatur, die sich mit jüdischen Themen beschäftigt.

LOGE

Als Logen bezeichnet man Zusammenschlüsse von Menschen, die an einem gemeinsamen Werk arbeiten oder gemeinsame Ideale des Zusammenlebens vertreten.