Zum Inhalt springen

Fragen und Formen des Miteinanders Ein Bericht aus der Ausstellung "Respekt" im Museum der Arbeit

Text: Annette Stiekele, Frühling 2026

Ein Vormittag im Museum der Arbeit. Eine Gruppe junger Erwachsener, die unter Betreuung durch den freien Bildungsträger IB Nord gerade ein Freiwilliges soziales Jahr in unterschiedlichen Schulformen absolviert, versammelt sich im Foyer. Gemeinsam mit ihrer Seminarleiterin, der pädagogischen Mitarbeiterin Tomke Jakobs, besuchen sie die Schau „Respekt. Eine Ausstellung übers gemeinsam Verschiedensein“. Auf den ersten Blick wirkt der Ausstellungsraum sehr zugänglich, einladend, offen und hell, mit vielen Sitzgelegenheiten und viel Farbe, ohne hermetische Vitrinen oder eng bedruckte Texttafeln. „Herzlich willkommen im Museum der Arbeit“, begrüßt Evgenia Tiourine die Ankömmlinge. Die gelernte Historikerin hat zum Thema „Migrationsdarstellung in Museen“ ihre Uni-Abschlussarbeit geschrieben und arbeitet freiberuflich im Bereich Bildung und Vermittlung des Museums der Arbeit. Erst einmal haben nun alle Zeit, die Ausstellung 20 Minuten selbstständig zu erkunden, an die Hörstationen zu gehen, die Spiele auszuprobieren oder sich kurze Texte durchzulesen. „Die Ausstellung wurde von der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund entwickelt, ein kreativer Lernort rund um das Thema Arbeit. Das Coole an der ‚Respekt‘-Ausstellung ist, dass Jugendliche hier auch mitgestaltet haben“, erklärt sie. Die Teilnehmenden hören aufmerksam zu. Sie haben unterschiedliche Bildungshintergründe, einige von ihnen haben Migrationserfahrungen. Die Herausforderungen der Stadtgesellschaft von heute erleben junge Menschen wie sie in Schule, Ausbildung oder beim Berufseinstieg. Dass ein respektvoller Umgang entscheidend für das gesellschaftliche Miteinander in einer demokratischen Gesellschaft ist – vor allem, wenn es darum geht, unterschiedliche Meinungen, Erfahrungshorizonte, Lebenswege auszuhalten –, sollen sie hier im Idealfall mitnehmen.

„Später werden wir noch einmal zusammen durch die Ausstellung gehen“, sagt Evgenia Tiourine. „Wir werden uns fragen: Wer bin ich eigentlich, wer sind die anderen, und wie können wir als Gemeinschaft zusammenleben, uns untereinander respektieren?“ Die Ausstellung trifft da offenbar einen Nerv. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Bildung und Vermittlung kommen mit ihren Führungen kaum hinterher. Über 400 Gruppen haben sie seit der Eröffnung vor einem Jahr bereits durch die Schau geleitet. Sie richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren. Ziel ist das gemeinsame Erforschen von Fragen nach Identität, Diskriminierung und Gleichberechtigung. Nun strömen die Jugendlichen erst einmal durch die Ausstellung und nutzen einige der 20 interaktiven Stationen.

Eine Ausstellungswand, die mit verschiedenen Porträts und Kunstwerken bedeckt ist und unter der sich eine Holzbank befindet. Die Wörter „ich“ und „ich“ sind durch eine Linie in der Nähe der Bank miteinander verbunden, die mit handgeschriebenen Botschaften verziert ist.

Es gibt spielerische Elemente zu entdecken, Texte, Grafiken, Module der Selbsterfahrung und Orte, die zur gemeinsamen Debatte anregen. Eine Gruppe Mädchen beginnt das Spiel „Let’s Talk“ und stellt sich gegenseitig Fragen. „Welche Charaktereigenschaften magst du bei anderen?“, liest ein Mädchen vor. „Ich würde sagen, Selbstbewusstsein“, antwortet ein anderes Mädchen. Nebenan spielt eine Gruppe das „Ich-Du-Spiel“. Dabei werden zweien von ihnen Fragen gestellt und sie müssen den jeweils anderen, von dem sie durch eine Wand getrennt sind, in Bezug auf eine Eigenschaft einschätzen. Neben der Person, die die Fragen von einer Texttafel abliest, hält eine weitere die Richtigkeit der Ergebnisse fest. Dabei kommt manch Erstaunliches heraus. Ein Junge denkt, der andere verbringe viel Zeit am Smartphone, doch jener deutet wiederum auf sein Gegenüber. Evgenia Tiourine kommentiert lächelnd: „Es ist ganz witzig, wie sehr Selbst- und Fremdwahrnehmung oft auseinanderliegen. Das heißt aber nicht, dass wir uns selbst nicht kennen.“ Für Kareen Kümpel, Fachbereichsleitung Bildung und Vermittlung am Museum der Arbeit, verdeutlicht die Schau, wie wichtig es ist, einander zuzuhören – auch und gerade dann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, geht es darum, den respektvollen Umgang nicht zu verlieren. Sie stand mit dem Ausstellungshaus in Dortmund, das die Ausstellung konzipiert hat, von Anfang an in engem Austausch. „Der Arbeitstitel hieß immer ‚Diversität in der Arbeitswelt‘. Das ist natürlich ein Thema, mit dem wir uns hier auch ganz viel beschäftigen.“ Die Ausstellung startet beim Thema Identität. Da können die Jugendlichen Eigenschaften auf Spiegel schreiben. „Es ist schön, wenn junge Leute erfahren können, dass Identität nicht etwas Fixiertes ist, sondern etwas, das sich verändert. Es ist immer ein Prozess. Wir verändern uns permanent und damit auch unsere Identität“, so Kümpel.

Als es an den geführten Rundgang geht, stellt Evgenia Tiourine aufwärmende Fragen, etwa, wie die Teilnehmenden als Kinder gespielt haben – bevor es dann zu einer Station geht, an der man sich mit Rollenbildern beschäftigen kann: Eine Seite mit Spielzeugen ist in Blau gehalten und alles dreht sich um Fahrzeuge, Abenteuer, Fußball und Action. Daneben ist eine rosafarbene Abteilung zu sehen mit Puppen, Einhörnern, Kleidern und Schminkutensilien. Tiourine befragt die Gruppe zu einer Statistik, die offenbart, dass nur 13 Prozent aller Frauen in wissenschaftlich-technische Berufe gehen, auf der anderen Seite aber nur 13 Prozent aller Erzieher männlich sind. „Es sind oft klassische Rollen aus einer anderen Zeit, die übernommen werden. Und ganz oft haben sie Einfluss darauf, was wir später beruflich machen“, so Tiourine. „Habt ihr mal darüber nachgedacht, warum das so ist? Diese Rollenbilder führen dazu, dass wir auch beruflich einen anderen Weg einschlagen als vielleicht den, für den wir uns eigentlich interessieren.“

Eine blaue Wand mit dem deutschen Satz „Wer bestimmt, was normal ist?“ über zwei Tafeln – eine mit blauem Spielzeug und eine mit rosa Spielzeug, die geschlechtsspezifische Spielzeugklischees widerspiegeln.
Diese Station zeigt, welche Gegenstände und Tätigkeiten oft als “normal” für Jungen und Mädchen gesehen werden. Aber wer bestimmt das eigentlich? Foto SHMH
Eine Person in einem weißen Pullover betrachtet einen Touchscreen mit Informationen zu Berufen, auf dem unter anderem Angaben zum Beruf des Land- und Baumaschinenmechanikers zu sehen sind und die Möglichkeit besteht, durch Wischen zu anderen Berufen zu wechseln.
Welcher Job passt? Per Wischbewegung kann man sich an dieser Station für einen Beruf entscheiden. Foto SHMH

Was die eigene Berufswahl angeht, erfreut sich eine interaktive „Job-Speeddating“-Station bei den Jugendlichen großer Beliebtheit, die eine Tiefenkamera mit spezieller Technologie nutzt. Die Silhouette eines jungen Mannes wird erkannt, er kann sich in 20 unterschiedlichen Berufsumfeldern erleben und per wischender Geste signalisieren, ob ihm der aktuelle Beruf gefällt oder ob er lieber weitersuchen möchte. Die Station folgt dem Prinzip der Dating-App Tinder, nur angewandt auf die eigene Berufswahl. „Es macht einfach Spaß, sich mit so einem digitalen Tool auszuprobieren. Die Station ist besonders schön, weil es direkt um die Berufswahl geht, um die Vorurteile, die häufig eine Rolle spielen“, erläutert Kareen Kümpel. „Es führt auch dazu, noch einmal die Perspektive zu wechseln, sich nicht einschränken zu lassen, sich Dinge zuzutrauen, wenn man vielleicht aus einem Elternhaus kommt, das nicht so viel Geld hat, in einem Stadtteil mit niedrigem Sozialindex liegt. Und es soll Mut machen, so wie die ganze Ausstellung.“

Gleich neben dem Berufs-Speeddating geht es um Diskriminierung. An einer Wand hängen Abreißkalender mit gängigen Vorurteilen, die den meisten auch schon vertraut sind. Darunter finden sich Sätze wie „Seit die Flüchtlinge da sind, steigt die Kriminalität“ oder „Trans*, Inter‘, Nicht-Binär* – das ist doch alles Gender-Gaga“. Evgenia Tiourine formuliert dazu einige Fragen, stellt Bezüge zu den Lebenswelten der Gruppenmitglieder her. „Habt ihr diese Sätze schon mal im Alltag gehört?“ Und sie entlarvt diese Sätze als diskriminierende Floskeln. „Welche Gruppen werden diskriminiert?“, fragt sie. „Vor allem Minderheiten“, sagt ein Junge. „Jeder und jede, der oder die anders ist“, sagt ein Mädchen. Tiourine erklärt, dass es eine Art „Norm“ gebe, auch wenn die eigentlich schwer zu benennen sei. Dass man sich mit Menschen wohlfühle, die einem selbst ähneln und dass das häufig zu Diskriminierung aller übrigen führe. Es trifft besonders zum Beispiel ältere Menschen, Geflüchtete, Frauen, Arbeitslose, homosexuell identifizierte Menschen. Jeder Mensch habe Vorurteile durch die eigene Kindheit. „Die Frage ist, wie wir damit umgehen, ob wir das reflektieren oder nicht.“ Auch dieser Teil verdeutlicht ein doppeltes Anliegen der Ausstellung. „Sie will nicht nur zum Spielen einladen, sondern möchte auch Wissen vermitteln“, erläutert Kareen Kümpel. Sie begegnet auch Kritikern, die sagen, es gehe darum, ein bestimmtes Lebensbild zu propagieren. „Fragen zur Identität, wie etwa ‚Wer bin ich‘ oder ‚Wer ist der andere‘ und ‚Was haben wir gemeinsam‘, betreffen uns alle. Natürlich verfolgt die Ausstellung einen diskriminierungskritischen Ansatz“, so Kümpel. „Sie orientiert sich an den Lebensbedürfnissen und Horizonten von Jugendlichen. Und dann kommen auch marginalisierte Perspektiven zur Sprache, denn besonders dort findet Diskriminierung statt. Eine Ausstellung kann ein guter Ort außerhalb der Schule sein, um miteinander ins Gespräch zu kommen.“

„Das Tolle an der Ausstellung ist, dass eine ganz große Perspektivenvielfalt da ist, weil sie in einem stetigen Austausch mit Schulklassen und Jugendgruppen entstanden ist“, sagt Nina Szogs, Kuratorin für Diversität und neue Vermittlungsformate am Museum der Arbeit. „Je weiter man in die Ausstellung hineingeht, desto schwieriger werden auch die Themen. Und da scheut sich die Ausstellung auch nicht, mit großen Begriffen wie Bodyismus – also die Diskriminierung von Menschen aufgrund vorherrschender Schönheits- oder Körpernormen – oder Ableismus – die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen – zu arbeiten, die durch kleine Videos erklärt werden.“ Die Schau bietet gleichzeitig immer die Möglichkeit, sich zu öffnen, aber auch sich abzugrenzen. Höhepunkt der Schau ist zum einen das Spiel „Fünf Fragen aus der Geschichte“, bei der etwa der Zeitpunkt der Erlaubnis der Ehe für alle abgefragt wird. Zum anderen das so genannte Demokratie-Spiel „Dafür oder Dagegen“. „Viele kommen erst mal gar nicht darauf, dass man vielleicht auch eine mittlere Position einnehmen kann. Man kann das Spiel auch stoppen und über einzelne Fragen noch tiefer diskutieren“, erklärt Kareen Kümpel. „Und dann geht es darum, wie man miteinander diskutiert: nämlich respektvoll.“

Evgenia Tiourine begegnet mitunter auch herausfordernden Gruppen. „Es kommt auf die Altersstufe an. Bei den 8. und 9. Klassen ist das Thema ‚Gender‘ ganz groß. Da kommen bei diesem Spiel oft Kontroversen auf zum Thema, ob Frauen im Fußball genauso viel verdienen sollten wie Männer. Und dann setzen sich immer noch die klassischen Rollenbilder durch.“ Auch die aktuelle Gruppe ist sich bei den „Dafür oder Dagegen“-Fragen keineswegs immer einig. „Handyverbot in der Schule, ja oder nein?“ „Wahlrecht ab 16 Jahren?“ Die Jugendlichen tauschen Argumente aus, aber der Ton ist freundlich, sachorientiert – und respektvoll.

Darum geht es im Anschluss auch in einem zweiten Workshop-Teil, in dem jede Gruppe entweder über Solidarität und Allyship – also die Solidarität mit Menschen aus marginalisierten Gruppen – oder Werte sprechen kann. „Gesellschaft ist komplex. Und da jetzt einen Raum zu haben, wo es möglich ist, darüber zu sprechen, ist total wertvoll“, sagt Nina Szogs. „Es geht in der Ausstellung darum, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede anzuerkennen und die Unterschiede aber auch akzeptieren zu lernen.“

Auf Tiourine kommen mitunter auch Erwachsene zu. Eine Frau erzählte ihr etwa von einem Streit bei der Arbeit und wollte etwas zum Thema Respekt lernen. Das gemeinsame Verschiedensein ist ein lebenslanges Thema, mit dem man sich nicht früh genug auseinandersetzen kann. Zum Wohle aller.

Die Ausstellung Besuchen

Die ANGEBOTE buchen