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Grüne Hügel, unerzählte Geschichten Von der "Ornamented Farm" zum heutigen Jenischpark

Frühling 2025

Der Jenischpark in Klein Flottbek zählt zu den schönsten und beliebtesten Grünanlagen in Hamburg. Die Ausstellung „Parkomania“ im Jenisch Haus widmet sich der Historie des Landschaftsparks und bringt bisher unerzählte Geschichten ans Licht.

Von Julika Pohle

Luftaufnahme eines großen grünen Parks mit vereinzelten Bäumen, gewundenen Wegen und einem weißen historischen Gebäude auf der rechten Seite; Sonnenlicht strömt durch die Wolken am Himmel darüber.

Martin Johan Jenisch der Jüngere, seinerzeit einer der reichsten Männer Hamburgs, kaufte dem 76-jährigen Gutsbesitzer Baron Caspar Voght im Jahr 1828 weitläufige Flottbeker Ländereien ab. Am höchsten Punkt des neu erworbenen Geländes baute sich der Bankier und Senator eine kubische, spätklassizistische Sommervilla: das heutige Jenisch Haus. An der Nordseite dieses großbürgerlichen Prachtbaus in Weiß und Gold ließ Jenisch nach englischer Mode einen standesgemäßen „Pleasureground“ anlegen. Elegant geschwungene Wege führten durch eine von exotischen Bäumen und Sträuchern gerahmte Gartenlandschaft mit kunstvoll arrangierten Blumenbeeten zu einer Rosenlaube im Zentrum. Hier saß der Hausherr wie in einem blühenden Salon, denn der englische Landschaftsgarten galt als Erweiterung des fürstlich ausgestatteten Wohnraums im Freien.

Rund 200 Jahre später nimmt die Ausstellung „Parkomania. Unerzählte Geschichten aus dem Jenischpark“ jetzt den umgekehrten Weg und holt den Landschaftspark anhand von Dokumenten, Gemälden, Fotos und anderen Exponaten hinein in die Salons des Jenisch Hauses. Dort wird die Historie von Voghts ehemaligem Mustergut aus heutiger Sicht untersucht: Ein junges Kuratorenteam um Leiterin Nicole Tiedemann-Bischop lichtet das Dickicht der Park-Vergangenheit und legt neue Erkenntnisse frei. Dabei richtet sich der Fokus nicht nur auf die Entwicklung und Umgestaltung des Jenischparks im Zeitenlauf, sondern auch auf die kolonialen Verflechtungen der Gutsherren. Ökologische Themen werden ebenfalls betrachtet und in einen geschichtlichen sowie globalen Kontext gestellt. Viele Inhalte der Schau verweisen bereits auf die neue Dauerpräsentation, die im Zuge der ab 2027 geplanten Modernisierung des Jenisch Hauses erarbeitet wird.

Die Grundlage ist eine Zierfarm

Anno 1785 begann der Landschaftspark Gestalt anzunehmen. Am Geesthang über dem Elbufer bei Flottbek erwarb der Großkaufmann Caspar Voght (1752–1839) Land von fünf benachbarten Bauernhöfen. So entstand ein rund 260 Hektar großes Grundstück, dessen vier Segmente nach den vier Himmelsrichtungen benannt wurden. Das Gut umfasste unter anderem das Gelände, auf dem sich heute der Jenischpark (ehemals „Süderpark“), der Botanische Garten, der Derby-Park sowie der Großflottbeker Golfplatz befinden.

Nach dem Vorbild der arkadischen Zierfarm „The Leasowes“, die sich der englische Dichter William Shenstone in der Grafschaft Shropshire bei Birmingham hatte anlegen lassen, schuf Voght hier seine berühmt gewordene „Ornamented Farm“. Das Konzept bestand darin, ästhetische Gestaltung und landwirtschaftlichen Nutzen zu verbinden – was dem kundigen Agronomen vorbildlich gelang, zumal er in seinem Charakter Schönheitssinn und Empfindsamkeit mit Pragmatismus und Pioniergeist vereinte.

Als Ästhet verstärkte er die Vorteile der vorgefundenen, infolge der Saale-Eiszeit leicht hügeligen Geestlandschaft mit Elbblick durch wohlbedachte Eingriffe: „Die schönen Bäume, die liebliche Abwechslung von Hügel und Thal, die mannigfaltigen Baumgruppen, die so verschiedenen Land-, Strom-, An- und Aussichten suchte ich zu benutzen, um auf den durch die (mit solchem Fleiß bestellten) Felder geführten Wegen, eine Reihe wechselnder, in ihrem Character von einander verschiedener Landschaften dem Augen des Wandelnden der Reihe nach darzustellen“, schrieb Voght 1828 in einem Brief an seinen Nachfolger Jenisch. So schuf er Sichtachsen und Sitzplätze zur Naturversenkung. An besonderen Stellen im Park entstanden außerdem Bauwerke, die sich organisch in die Landschaft einfügten und heute als Rekonstruktionen aus den 1990er-Jahren wieder dort zu finden sind: Da wölbt sich etwa die „Knüppelbrücke“ aus Baumstämmen über den Weg, den die landwirtschaftlichen Fahrzeuge nahmen, da verweist ein Häuschen aus Ästen und Zweigen, das wegen seiner ovalen Fenster „Eierhütte“ heißt, auf die Ursprünge der Baukunst.

Bei seiner Parkgestaltung ließ sich Voght von der Liebe leiten, die er zu jener Zeit für Magdalena Pauli empfand, die verheiratete Schwester eines Freundes: „Durch sie, für sie war alles.“

Weniger romantisch, doch ebenso engagiert, ging er die Landwirtschaft mit Experimenten zu neuen Anbau- und Düngemethoden an, um dem kargen, nährstoffarmen Boden Erträge abzuringen: „Ich habe auf der Geest zuerst Kartoffel und Kohl im Felde gepflanzt – zuerst im Norden von Teutschland die Gerähte eingeführt, die später diese Kultur allenthalben möglich gemacht haben“, schrieb Voght kurz vor seinem Tod in seinen Lebenserinnerungen. Mit geeigneten Maßnahmen gelang es ihm, die Erträge innerhalb von 30 Jahren um das Zehnfache zu erhöhen: Er führte neue Kulturfrüchte („den Kleebau, die Rapssaat, die große Rübe, den Spörgel“) und einen effektiveren Fruchtwechsel ein, ließ als Düngemittel städtische Fäkalien mit einer eigenen Mist-Ewer-Flotte aus Ottensen kommen und bezog moderne Landmaschinen aus England. „Durch ihn wurde die Kartoffel in Hamburg groß“, sagt Lisa Miller aus dem Kuratorenteam, die Voghts Leben in der Ausstellung aufgefächert hat. Noch heute seien auf dem Gelände des Jenischparks vereinzelte Kartoffelpflanzen zu finden, erzählt Tiedemann-Bischop, auch die Grundrisse der ehemaligen, damals von Knicks (Wallhecken) umgebenen Anbauflächen seien aus der Vogelperspektive noch auszumachen.

Zwischen Aufklärungsgeist und Kolonialhandel

Voght hatte durch eine schwere Pockenerkrankung in seiner Jugend zur Menschenliebe gefunden. Im Rahmen mehrerer Bildungsreisen hatte er sich vor allem in Großbritannien umgetan und in Edinburgh an der fortschrittlichsten Universität Europas Naturwissenschaften und Geschichte studiert. Dort warb er auch Experten für Flottbek an: Den Chemiker Johann Gottfried Schmeisser, der auf dem Gut ein Laboratorium für Agrikulturchemie einrichtete, und den Landschaftsgärtner James Booth, der den Betrieb einer Baumschule übernahm. Beide hielten auch Vorträge, denn die „Ornamented Farm“ sollte als Vorbild für andere Bauernhöfe dienen und zu einer Modernisierung der Landwirtschaft führen. Schließlich war Voght nicht nur Agrar-, sondern auch Sozialreformer, der das Leben der Landbevölkerung verbessern wollte. Dass er außerdem in Hamburg und Europa das Armenwesen umstrukturierte, wird in der Schau am Rande miterzählt.

Um seine Landarbeiter ganzjährig an den Betrieb zu binden, erhielten sie vergleichsweise hohe Löhne, die auch im Krankheitsfall zur Hälfte weitergezahlt wurden; der Gutsherr übernahm sogar anfallende Arztkosten. Für wenig Geld konnten die Arbeiter zudem „Insten“ („Insassen“) werden und sich in den „Instenhäusern“ einmieten, die Voght hatte bauen lassen. Die reetgedeckte Budenreihe aus Fachwerk, die noch heute die Baron-Voght-Straße säumt, bestand aus elf einzelnen, jeweils 24,5 Quadratmeter großen Wohnungen mit Küchenzeile und Wandbett. Witwen behielten ihr Zuhause und wurden unterstützt, für die Kinder ließ Voght einen Lehrer kommen. Als Freigeist teilte der Gutsherr die Ideale der Aufklärung, setzte sich ein für Vernunft, Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte.

Aber es gab auch einen Widerspruch im Wesen des Aufklärers, der seine Farm und sein soziales Engagement mit Einnahmen aus dem Kolonialwarenhandel finanzierte. Nach dem Tod seines Vaters 1781 führte er dessen „Handlungshaus Caspar Voght & Co“ weiter, das später als „Voght & Sieveking“ firmierte. Voght und sein Jugendfreund Georg Heinrich Sieveking handelten mit Leinen, Seide, Getreide, Kaffee, Tabak und Kautschuk, bereicherten sich also an der auf Sklaverei basierenden Plantagenwirtschaft und billigten damit deren unmenschliche Praktiken. „Widerstand gegen den Sklavenhandel gab es auch damals schon“, sagt Tiedemann-Bischop, „doch Voght hat von dem wirtschaftlichen System profitiert. Er hat sich auch nicht, wie etwa seine Kollegen in England, dagegen eingesetzt.“ Die Partner planten sogar, selbst eine Versklavungsfahrt auszurüsten, worauf sie dann jedoch aus praktischen Gründen verzichteten. Voght, der kein passionierter Kaufmann war, überließ Sieveking letztlich das Geschäftliche und zog sich als reicher Mann zurück.

Als die Franzosen zwischen 1806 und 1814 Hamburg und auch das Gut besetzten, geriet Voght finanziell in Bedrängnis. Am Ende verkaufte er die Farm an Martin Johan Jenisch d. J. (1793–1857) – bewohnte aber weiterhin sein frühklassizistisches Landhaus (heute Baron-Voght-Straße 63), das der Architekt August Arens ihm entworfen hatte.

Villa im Park
Johann Jacob Gensler, Baron Voght und sein Sekretär vor dem Landsitz in Flottbek, Aquarell, 1837, Foto SHMH
Der Orchideensammler

Jenisch gestaltete das Mustergut nach eigenem Gusto um. Nahe des „Pleasuregrounds“ ließ er große Gewächshäuer errichten und trug Blumen, Büsche und Bäume aus aller Welt zusammen.

In der Ausstellung ist eine interaktive Karte zu entdecken, auf der die von Jenisch gepflanzten, bis heute im Park wachsenden Gehölze verzeichnet sind. Dazu zählen etwa ein japanischer Schnurbaum, nordamerikanische Douglasien, ein Mammutbaum aus Kalifornien sowie der älteste Ginkgo Hamburgs.

Der neue Gutsherr verfügte außerdem über eine berühmte Orchideensammlung, die sich zusammen mit Palmen, Kakteen und Kamelien in seinen Gewächshäusern entfaltete. „Jenischs Obergärtner Friedrich Berthold Kramer hatte ein gutes Händchen für Orchideen, er besaß große Kenntnisse und tauschte sich aus“, sagt Miller.

 

Botanische Illustration von Orchideen mit gelb gesprenkelten Blütenblättern und roten Flecken, großen grünen Blättern sowie detaillierten Skizzen der Blütenanatomie im Hintergrund.
Eine nach Martin Johann Jenisch benannte Orchidee, heimisch in Kolumbien, Ecuador, Peru und Venezuela: Stanhopea Jenischiana. Curtis Botanical Magazine, Tab. 8517, Vincent Brooks, Day & Son lmt.imp., 1913

Die zarten Blumen konnten auf ihrer Reise aus den tropischen Kolonien damals nur in sogenannten Wardschen Kästen lebend transportiert werden, die der britische Botaniker Nathaniel Ward 1829 erfunden hatte: mobile Gewächshäuser mit einem geschlossenen Wasserkreislauf und gleichbleibender Luftfeuchtigkeit. Neben botanischen Orchideen-Zeichnungen stellt die Schau den Nachbau eines solchen Kastens als Leihgabe des Botanischen Gartens vor. Das Exponat verweist auf die zur Kolonialzeit übliche Praxis der Biopiraterie: Exotische Gewächse wurden oft durch spezialisierte Pflanzenjäger oder auf botanischen Expeditionen gesammelt und nach Europa gebracht – ohne Rücksicht auf die Ökosysteme der Herkunftsländer.

Ebenfalls als Sammler im kolonialen Kontext ging Martin Johan Rücker Freiherr von Jenisch (1861–1924) in die Geschichte ein: Der Großneffe von Jenisch d. J. und Erbe des Flottbeker Anwesens trug eine bedeutende Kollektion ägyptischer Altertümer zusammen. Rücker Jenisch war drei Jahre lang Generalkonsul in Kairo, unterstützte die Deutsche Orientgesellschaft vor Ort und schenkte seine Sammlung später dem Hamburger Völkerkundemuseum (heute Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt).

Der Diplomat war außerdem ein langjähriger Reisebegleiter von Kaiser Wilhelm II. und ließ 1906 am Parkeingang Ecke Elbchaussee/Holztwiete das „Kaisertor“ errichten, um den Monarchen angemessen empfangen zu können. Rücker Jenischs Familie nutzte das Sommerhaus meist nur drei Monate im Jahr und verpachtete Teile des Besitzes.

1927 standen Pläne im Raum, aus dem Gelände des heutigen Jenischparks einen Golfplatz zu machen. Max Brauer, damals Altonaer Oberbürgermeister, und Bruno Becker, Gemeindevorsteher von Klein Flottbek, retteten den Park für die Allgemeinheit, indem sie einen städtischen Pachtvertrag aushandelten. 1933 wurde das Jenisch Haus als Museum öffentlich zugänglich

Nationalsozialisten planten Hansische Universität

Ein weiterer Abschnitt der Ausstellung widmet sich der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz 1937 kam das bis dahin preußische Altona zur Hansestadt, die Hitler mit gigantomanischen Bauten zur „Hauptstadt der deutschen Schiffahrt“ umformen wollte. „Im Bereich des Jenischparks sollte die sogenannte Hansische Universität entstehen, das Jenisch Haus war als Gästehaus vorgesehen“, sagt Tobias Gaschler, der ebenfalls zum kuratorischen Team gehört, und untermauert dies durch historische Entwurfspläne und Modellfotos. Der Kriegsausbruch verhinderte das Vorhaben. 1939 wurde die Familie Jenisch zum Verkauf von Villa und Park an die Stadt Hamburg gedrängt, die Kaufsumme betrug 1,3 Millionen Reichsmark.

Um den exponiert liegenden Bau vor der Zerstörung durch Bombenangriffe zu schützen, habe das Jenisch Haus einen graugrünen Tarnanstrich erhalten, sagt Tiedemann-Bischop. Nach dem Krieg entstanden in der Villa Notwohnungen, die Wiesen wurden zu Gemüsegärten; erst 1953 erfolgte die Restaurierung von Haus und Park im Zuge der Gartenbauausstellung. Im Jahr 1962 wurde das vom Architekten Werner Kallmorgen entworfene Ernst Barlach Haus in der Nachbarschaft errichtet. Das im ehemaligen Gartenbauamt und einstigen Wohnhaus des Gärtners Kramer 2017 eröffnete Museum für den Hamburger Maler Eduard Bargheer ergänzt die Museumslandschaft des Parks, der seit 2001 unter Denkmalschutz steht.

Bereits seit 1982 ist die tidebeeinflusste Talaue Flottbektal auf dem Parkgelände als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Derzeit findet der vom Aussterben bedrohte Schierlings-Wasserfenchel, der nur in und um Hamburg gedeiht, am Flüsschen Flottbek eine neue Heimat: Die Stiftung Lebensraum Elbe baut im Schatten des alten Weiden-Auenwaldes eigens einen kleinen Priel für das empfindliche Gewächs.

In der Schau schließt die Thematisierung aktueller Umweltfragen passgenau an die geschichtlichen Betrachtungen an: Damals wurden exotische Pflanzen angesiedelt, heute werden erhebliche Mühen unternommen, um eine heimische Art zu erhalten. Um historische Spuren im Jenischpark und die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart geht es im letzten, von Ko-Kuratorin Eva Martens eingerichteten Raum. Hier werde zum Beispiel die Bedeutung von Öffentlichkeit besprochen, ferner könne der Park durch kleine Interviews mit Künstlern und Wissenschaftlern aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, so Martens. Ihr Ziel: „Man soll mit dem Park im Kopf wieder in den Park entlassen werden.“

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