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Eine Fahrt durch den Saurierrachen

Die große HADAG Hafenrundfahrt feierte 2021 ihr 100-jähriges Jubiläum. Aber warum ist sie überhaupt groß? Eine Hamburger Institution im Zeitraffer

Text: Matthias Gretzschel

Eine große Gruppe von Menschen, Erwachsene und Kinder, stehen und sitzen auf dem Ober- und Unterdeck eines Schiffes mit der Aufschrift Große Hafen-Rundfahrt und Hamburg und posieren für ein Foto während einer Hafenrundfahrt im Jahr 1957.
Bitte recht freundlich: Das Gruppenfoto gehörte 1938 zu den Ritualen der Hafenrundfahrt. Es konnte als Souvenir nach dem Ausstieg gleich mitgenommen werden. (1937)

Was für ein Anblick! Selbst der weltgewandte französische Journalist und Reiseschriftsteller Henri Béraud (1885-1958) ist schwer beeindruckt, als er im Sommer 1926 die Hochbahnstation verlässt und zu den St.-Pauli-Landungsbrücken hinüberschlendert. Er staunt über die enorme Betriebsamkeit des Hafens, in dem sich alles gleichzeitig zu bewegen scheint: eine Armada von Barkassen, Leichtern und Schuten. Frachtschiffe, aus deren Schornsteinen schwarzer Rauch quillt. Links am Horizont ein regelrechter Wald von Masten jener Schnellsegler, die sich noch immer gegen die ständig wachsende Flotte der Dampfschiffe behaupten können. Dazwischen Ausflugsdampfer, die von den Seebädern kommen oder dorthin unterwegs sind. Und vor allem die gewaltigen Passagierschiffe, die Ozeanriesen der Reedereien Hapag und Hamburg Süd, die von kleinen, aber kräftigen Schleppern gezogen und gebremst werden. All das geschieht gleichzeitig, nach einer geheimnisvollen Choreographie, die niemand kennt und an die sich doch alle halten: die Kapitäne und Lotsen, die Ewerführer und Schauerleute, die Steuerleute der Barkassen, die Schaulustigen und auch die Fahrgäste der Hafenfähren.


HAMBURG, EIN GESCHWADER VON STÄDTEN

Béraud betritt den Ponton, schaut auf den Fluss und ist ganz benommen von dieser Szenerie. Es riecht nach Rauch und in das allgegenwärtige Möwengeschrei mischt sich das wunderbar atonale Konzert der höheren uns tieferen, teils schrillen, teils sonoren Dampfpfeifen, das hin und wieder durch das majestätisch-tiefe Nebelhorn des Hapag-Dampfers ALBERT BALLIN übertönt wird, der gerade mal wieder aus New York zurückkehrt. Mehr als 191 Meter lang ist dieses mit 19 Knoten extrem schnelle Passagierschiff, das von einer großen Schaar von Schaulustigen erwartet wird, die sich auf den St. Pauli-Landungsbrücken drängen und unablässig mit Taschentüchern winken, die in der steifen Brise flattern. Béraud drängt sich an den Menschen vorbei und erreicht bald die Haltestelle der „Großen Hafenrundfahrt“, die von der Hafendampfschifffahrts-Actien-Gesellschaft (HADAG) betrieben wird. Für ganze fünf Pfennige erwirbt er ein Ticket, um gleich darauf die HADAG-Barkasse zu besteigen. Und während sich der elegant gekleidete Franzose noch zu orientierend sucht, legt sein Schiffchen schon ab und nimmt Kurs auf den südlich der Norderlebe gelegenen Vulkanhafen mit dem Ausrüstungskai der Vulkanwerft. Dann geht es weiter über den Rosshafen, den Ellernholz-Hafen zurück auf die Norderlebe, danach ein Stück flussaufwärts zum Südwest-Hafen. Der Barkassenführer, ein knorriger Typ mit Matrosenhemd und blauer Tellermütze, redet unablässig, erzählt von Schiffen und Ladungen und überschreitet dabei nicht selten die Grenzen zwischen Information und Seemannsgarn. Doch vor allem für Letzteres erntet er von den staunenden Landratten an Bord viel Gelächter, was sich, wie er aus Erfahrung weiß, am Schluss auch durchs Trinkgeld bezahlt machen wird.

 

Nach einer scharfen Rechtskurve erreicht die Barkasse jetzt den Segelschiffhafen, in dem dicht an dicht die großen Frachtsegler liegen. „Das ist die PRIWALL, die ist erst sechs Jahre alt, 115 Meter lang und bis zu 18 Knoten schnell. Damit hängt sie manchen Dampfer ab“, sagt der Barkassenführer und erklärt seinen Fahrgäste, dass dieser Windjammer von der Reederei F. Laeisz gerade zum frachttragenden Schulschiff umgebaut wird, künftig also auch der Ausbildung von Seeleuten dienen soll. Und dann folgt noch eine haarsträubende Geschichte von einer stürmischen Kap-Horn-Umrundung, bei der Béraud bald den Eindruck gewinnt, dass es sich hier doch eher um Seemannsgarn handeln wird. Nach einer knappen Stunde ist die HADAG-Barkasse zurück an den Landungsbrücken. Hochzufrieden und voller Eindrücke gehen die Passagiere wieder an Land und legen dem Seebären vom Dienst beim Aussteigen ein ordentliches Trinkgeld in den Hut. Auch der französische Journalist ist beeindruckt, er hat sich immer wieder Notizen in ein kleines leinengebundenes Büchlein gemacht und kann nun sicher sein, bei dieser Hafenrundfahrt genügend Material für eine Reisereportage in der französischen Zeitung „Paris Soir“ gefunden zu haben.

Schwarz-Weiß-Foto eines Hafens mit einem weißen Passagierschiff namens Albert Ballin im Vordergrund und Industriegebäuden und einem großen Schiff im Hintergrund. Mehrere Personen sind auf dem Dock und dem Schiff zu sehen.
Howaldtswerke Kiel, Neubau Nr.: 542; Albert Ballin (1911)
Schwarz-Weiß-Foto eines Bahnsteigs mit der Aufschrift "Landungsbrücken", auf dem ein paar Menschen gehen. Im Hintergrund sind Gebäude und eine Kirche mit einem hohen Kirchturm unter einem klaren Himmel zu sehen.
U-Bahn Station St. Pauli-Landungsbrücken. 1970. Foto: Kurt Edler. Sammlung. SHMH/MHG

DEN HAFEN VERGLEICHT HENRI BÉRAUD MIT DEM KIEFER EINES SAURIERS; JEDER ZAHN IST EINE MOLE VON DREI KILOMETERN LÄNGE

Aus „Hamburg – Was nicht im Baedeker steht“

Vier Jahre später veröffentlicht der expressionistische Lyriker, Essayist und Kabarettist Hans Harbeck den humorvollen Stadtführer „Hamburg – Was nicht im Baedeker steht“ und geht darin auch auf das Hafenrundfahrt-Erlebnis des Franzosen ein: „Henri Béraud, der bekannte französische Reiseschriftsteller, der 1926 Hamburg besucht hat, war außer sich vor Staunen und Bewunderung. Hamburg, sagt er, ist keine Stadt, sondern ein Geschwader von Städten. Es ist eine abenteuerliche Vereinigung von Liverpool, Toulon, Amsterdam, Belfast, Kronstadt, Genf und Port Said. Den Hafen vergleicht er mit dem Kiefer eines Sauriers; jeder Zahn ist eine Mole von drei Kilometern Länge. Unvergesslich dünkt ihn die Fahrt durch diesen Saurierrachen. Ein Gewimmel von Ozeandampfern, Kähnen, Leichtern, Schleppern, Schuten und Barkassen. Endlose Reihen von Schuppen und Landungsanlagen.“

 

 

 

 

Eine rote Fähre mit Passagieren überquert einen Fluss bei Sonnenuntergang, mit dramatischen orangefarbenen Wolken und Industriekränen und Schiffen im Hintergrund.
Eine der zahlreichen Hafenfähren im Hamburger Hafen in der Abenddämmerung. © Mediaserver Hamburg/Ingo Boelter

Als Béraud 1926 die „Große Hafenrundfahrt“ unternimmt, wird sie schon fünf Jahre lang ausschließlich von der HADAG betrieben. Warum die Finanzdeputation das stadteigenen Verkehrsunternehmen 1921 zum Monopolisten macht, hat mit der Frühgeschichte der Hamburger Hafenrundfahrten zu tun. Schauen wir also zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Hamburg sich anschickt, eine moderne europäische Metropole zu werden.

Triebkraft dieser Entwicklung ist der Ausbau und die Erweiterung des Hafens, der u. a. mit der 1872 erfolgten Inbetriebnahme des Kaiserkais im Sandtorhafen, der Eröffnung des Freihafens und der Speicherstadt 1888 sowie der Ansiedlung immer weiterer Hafenbetriebe und Werften eine moderne Infrastruktur erhält und zu einem der weltweit wichtigsten Seehandelsplätze aufsteigt. Dank des immer stärker ausgebauten Eisenbahnnetzes beginnt sich zu dieser Zeit auch der Fremdenverkehr zu entwickeln. Wenn Reisende vor dem Ersten Weltkrieg den 1906 eröffneten Hauptbahnhof verließen, präsentierte sich ihnen mit der Mönckebergstraße eine moderne City mit stattlichen Geschäftshäusern, auf der sie direkt auf den Rathausmarkt schlendern und mit Jungfernstieg und Binnenalster die Schokoladenseite der Hansestadt erkunden konnten. Doch die meisten Besucher aus dem Binnenland zog es schon bald dorthin, wo das Fernweh in der Luft zu liegen schien, zu jenem Ort, an dem Hamburg damals seinem Image als „Tor zu Welt“ gerecht wurde: zum Hafen.

DER BEGINN DES HAFENTOURISMUS

Zuerst einmal ist der Hafen ein riesiger Arbeitsort mit vielfältigen Verkehrsfunktionen, in dem neugierige Besucher eigentlich im Weg stehen müssten.

Doch da die Anziehungskraft auf Einheimische wie Touristen so groß ist, hat man sich schon Ende des 19. Jahrhunderts auf neugierige Zaungäste eingestellt. Allerdings gibt es für sie keine speziellen Besichtigungsangebote, sondern bestenfalls Tipps, wie sie sich selbst umsehen und dabei die im Linienverkehr eingesetzten Hafenfähren nutzen können. In den ältesten Hamburg-Reiseführen findet man daher noch keine Angaben zu regelmäßigen Hafenrundfahrten. Das ändert sich erst um die Jahrhundertwende. So ist in Griebens 1890 erschienenen „Praktischen Reisehandbuch“ für Deutschland im Hamburg-Kapitel Folgendes zu lesen: „Der Hafen bietet mit seinem regen Treiben und dem Walde von Masten ein höchst interessantes Bild. Sehr lohnend ist eine Jollenfahrt (Taxe für eine Stunde 1 – 3 Pers. 1,50 M.).“

Zwei Rettungsringe mit der Aufschrift JOLLEN.12 und HADAG hängen an der Reling eines Schiffes, im Hintergrund sind Industriekräne und Wasser zu sehen. Das Bild ist in schwarz-weiß gehalten.
Zwei Rettungsringe mit der Aufschrift JOLLEN.12 und HADAG hängen an der Reling eines Schiffes, im Hintergrund sind Industriekräne und Wasser zu sehen. Das Bild ist in schwarz-weiß gehalten.

Offenbar gab es 1890 also schon Jollenführer, die in ihren kleinen Booten individuelle Besucher durch den Hafen ruderten – und sich auf feste Tarife geeinigt hatten.

Bei den Jollenführern handelte es sich überwiegend um ehemalige Seeleute, die mit ihren Ruderbooten den Personenverkehr im Hafen durchführten. 1888 gründeten sie eine Jollenführergilde und setzten auch Dampfboote ein, wie ein Werbezettel, der wohl aus den 1890er-Jahren stammt, belegt. Damit wurde für eine 50 Pfennig teure „Hafen-Rundfahrt per Kaiserdampfer JOLLENFÜHRER II“ geworben, der täglich 8.30, 10, 12, 13, 15 und 18.30 Uhr „ab St. Pauli Landungstreppe (in der nächsten Nähe der Landungsbrücken beim Hafenthor)“ startete und bei der „alle sehenswerten Punkte unseres Hafens“ passiert wurden. Die Fahrgäste konnten sich an Bord majestätisch fühlen, wie der erläuternde Text nahelegt: „Dieses Schiff fuhr bekanntlich am 29. October 1888 zur Feier der Schlusssteinlegung der Hamburgischen Zollanschlussbauten Sr. Maj. Kaiser Wilhelm II durch den Zollkanal, und ist dasselbe zu dieser jetzigen Fahrt in derselben Weise hergestellt.“

Vor allem ein Umstand dürfte den beginnen Hafentourismus stark befördert haben: Jeden Morgen und jeden Abend mussten Tausende Hafenarbeiter mit Barkassen und Jollen über die Norderelbe zu ihren Arbeitsplätzen auf den am jenseitigen Ufer gelegenen Werften und Hafenanlagen transportiert werden. Da die Barkassen die übrige Zeit des Tages weitgehend ungenutzt blieben, kamen deren Besitzer schließlich auf die Idee, Touristen Rundfahrten anzubieten. Am Anfang lief das noch ziemlich ungeregelt, in frühen Reiseführern ist von Dampferrundfahrten, Hafenüberfahrten und Hafenrundfähren der unterschiedlichsten Anbieter die Rede. Im 1914 erschienenen Baedeker für Nordwestdeutschland heißt es: „Den besten Überblick über die Häfen gewährt eine Dampferrundfahrt“, wobei zwischen Hafenüberfahrten (für 5 Pfennige) und der Hafenrundfähre (für 10 Pfennige) unterschieden wurde.

Eine Fähre namens Altenwerder fährt auf einem Fluss mit Passagieren an Bord. Im Hintergrund sind Industriekräne und Hafenanlagen bei bewölktem Himmel zu sehen.
Die MS ALTENWERDER lief 1953 vom Stapel und war bis 1979 bei der HADAG im Einsatz. Heute liegt sie als „Kulturschiff“ mit Theatersaal im Traditionshafen Finkenwerder.
Ein Oldtimer-Passagierboot namens Plüsch und Plum fährt auf dem Wasser, und im Inneren sind mehrere Personen zu sehen. Große Schiffe, Kräne und Docks sind im Hintergrund des belebten Hafens zu sehen.
Die 1963 in Lübeck gebaute und schon recht komfortable MS PLISCH UND PLUM war mit absenkbaren Panoramafenstern versehen, sodass die Fahrgäste eine hervorragende Sicht hatten.

In den Baedeker-Ausgaben aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg ist auch bereits von kombinierten Stadt- und Hafenrundfahrten die Rede, die drei bis vier Stunden dauerten und für die „Fahrkarten in den Gasthöfen und bei den Wagenführern“ erhältlich waren. Zwei Dinge unterscheiden diese frühen Hafenrundfahrten von den heutigen grundsätzlich: In der Regel boten sie nämlich die Möglichkeit, unterwegs auszusteigen und einen Blick in die Schuppen zu werfen, wobei man sich die Erlaubnis für den Besuch zuvor von der Kaiverwaltung erteilen lassen musste. Außerdem war es möglich, gegen Aufpreis, einen der im Hafen liegenden Ozeanriesen zu besichtigen. So werden im Baedeker von 1914 Hafenrundfahrten erwähnt, die zwischen 8.30 Uhr und 18 Uhr stündlich von den St. Pauli-Landungsbrücken starteten und mit Besuch eines „großen Dampfers“ zwei bis zweieinhalb Stunden, ohne Schiffsbesichtigung etwa eine bis eineinhalb Stunden dauerten.

 

Ein altes deutsches Plakat mit stilisierten Illustrationen von Schiffen, Kränen und Gebäuden in Rot-, Orange- und Gelbtönen über einem fetten Text, der für eine Hafenrundfahrt in Hamburg wirbt.
Werbeplakat “Die Schönheit des Hafens zeigt die große Hafenrundfahrt” (1929)

Mit der Inbetriebnahme des St. Pauli-Elbtunnels verloren viele Barkassenführer 1911 einen großen Teil ihren Einnahmen, da die Werft- und Hafenarbeiter nun kostenfrei und trockenen Fußes an ihre Arbeitsplätze gelangen konnten. Also versuchten sie nun, so viele Touristen wie möglich für Hafenrundfahrten zu gewinnen – zum Teil mit recht rabiaten Methoden. Die Beschwerden darüber erreichten schließlich sogar den Senat. In dem Band „Hundert Jahre HADAG-Schiffe 1888-1988“ heißt es dazu: „Die Methoden, mit denen sie sich an den Abfahrstellen die Fahrgäste gegenseitig wegzunehmen trachteten, wurden als unwürdig empfunden; unterschiedliche Tarife und Trinkgelderpressung erbosten die Hamburg-Besucher. Um hier Wandel zu schaffen, griff man zu einem probaten Mittel, mit dem man allerdings nicht nur die schwarzen Schafe bestrafte, sondern auch den anständigen Hafenrundfahrtbetrieben die Existenz raubte. Am 1. Juli 1921 erhielt die HADAG von der Finanzdeputation die alleinige Konzession für Hafenrundfahrten, die fortan einen krisensicheren und gewinnbringenden zusätzlichen Einsatz der Schiffe ermöglichte.“ Zu den Konzessionsbedingungen der „Großen Hafenrundfahrt“, dieser Begriff taucht jetzt erstmalig auf, gehörte auch der Einsatz eines „Hafenerklärers“, der den Fahrgästen die Geschichte und die Besonderheiten der maritimen Wirtschaft nahebringen sollte. Meistens engagierte die HADAG dafür ehemalige Seeleute und Hafenarbeiter, die ihre Erläuterungen gern mit ein bisschen Seemannsgarn garnierten. Das Publikum mochte und mag diese Döntjes, doch wenn die Barkasse in Rufweite eines Hafenarbeiters vorüberfuhr, konnte es passieren, dass dieser die Fahrgäste mit dem plattdeutschen Ausspruch „He lücht“ (Er lügt) vor den Flunkereien des „Hafenerklärers“ warnte – oder diesen vielleicht auch nur ärgern wollte.

Eine blau-weiße Passagierfähre fährt auf einem Fluss, mit Menschen an Bord. Im Hintergrund sind Industriekräne und eine Werft bei teilweise bewölktem Himmel zu sehen.
Eine blau-weiße Passagierfähre fährt auf einem Fluss, mit Menschen an Bord. Im Hintergrund sind Industriekräne und eine Werft bei teilweise bewölktem Himmel zu sehen.

Die HADAG-Hafenfähre KIRCHDORF wurde 1962 auf der Sietas-Werft in Neuenfelde gebaut und ist heute als dienstältestes Schiff der Reederei noch im Einsatz.

Das Monopol der HADAG endete in den 1970er-Jahren. Inzwischen fährt die stadteigene Firma, die vor allem für den Öffentlichen Nahverkehr zuständig ist, nur noch mit dem historischen Typenschiff KIRCHDORF, während den Großteil der Hafenrundfahrten von mehreren privaten Firmen mit Barkassen und größeren Ausflugsschiffen abgewickelt wird. So radikal sich der Hafen seit den 1960er-Jahren vor allem durch die Containerisierung verändern musste, der Reiz der Hafenrundfahrten mit den live gesprochenen ebenso informativen wie launigen Kommentaren des jeweiligen He lücht hat für Hamburg-Besucher bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Neben die klassischen, etwa einstündigen Rundfahrten sind längst auch spezielle Angebote wie die Alternativen Hafenrundfahrten getreten, die teilweise von Initiativen zu unterschiedlichen Themen organisiert werden. Und was würde ein wacher Beobachter wie Henri Béraud wohl sagen, wenn er nach mehr als neun Jahrzehnten heute wieder eine „Große Hafenrundfahrt“ unternehmen könnte? Welche Vergleiche würden ihm einfallen angesichts von menschenleeren Kais und riesigen Containerterminals? Von Hafenfähren, die an gigantische Bügeleisen erinnern und mit nur einem Mann Besatzung auskommen? Von Schaufelraddampfern, die man eher auf dem Mississippi als auf der Elbe vermuten würde und von Containerschiffen, auf denen zigtausende Container wie Gebirge aufragen aber kein Mensch zu sehen ist?

Eine alte Fähre namens Mönckeberg fährt auf einem Fluss und befördert viele Passagiere. Auf dem Oberdeck ist ein Schild mit der Aufschrift Große Hafen-Rundfahrt zu sehen. Im Hintergrund sind das Stadtbild und die Kirchtürme zu sehen.
Große Hafenrundfahrt mit dem Fährschiff “Mönckeberg”, im Hintergrund St. Michaelis.

Henri Béraud ist nie wieder in dem von ihm so bewunderten Hamburger Hafen zurückgekehrt. Der ursprünglich linke Schriftsteller hat später in seiner Heimat das faschistische Vichy-Regime unterstützt, ist nach Kriegsende als Kollaborateur zum Tode verurteilt und später von de Gaulle begnadigt worden. Vielleicht hat auch er sich 1926 ja darüber gewundert, dass es in Hamburg zwar eine „Große Hafenrundfahrt“ gibt, weit und breit aber keine kleine. Dabei ist es bis heute geblieben, denn die von der HADAG sicher aus Marketinggründen erfundene Bezeichnung wird längst von allen Anbietern verwendet – und sie ist ja auch nicht falsch, wenn man groß im Sinne von großartig versteht.