Zum Inhalt springen

Die Stadtrepublik Hamburg: Ein Ort der Demokratie?

Ein Ausblick auf die zukünftige Präsentation der Stadtgeschichte des 18. Jahrhunderts im Museum für Hamburgische Geschichte

Text: Kerstin Petermann, 2024

Die Besucher betrachten die Exponate, darunter ein großes Schiffsmodell in einer Glasvitrine, in einem modernen, hell beleuchteten Museum mit hohen Decken, Vitrinen, Ausstellungsstücken und Informationstafeln.
Zukunftsvision: So könnte sie mal aussehen, die neue ständige Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte. Bild: Jangled Nerves

Das Museum für Hamburgische Geschichte bereitet sich auf eine umfassende bauliche und inhaltliche Modernisierung vor. Eine der Kernaufgaben besteht in der Konzeption der neuen ständigen Ausstellung – mit der kuratorischen Herausforderung, die Hamburger Stadtgeschichte in all ihrer Vielfalt und aus möglichst vielen Perspektiven zu erzählen. Ein wichtiger Teil des geplanten stadtgeschichtlichen Rundgangs im ersten Obergeschoss des Gebäudes wird Hamburgs Entwicklung im 18. Jahrhundert sein. Im „Zunftsaal“ – einem Raum, in dem die architektonischen Ideen Fritz Schumachers beim ursprünglichen Bau des Museums auf besondere Weise sichtbar sind – werden historische Ereignisse und bedeutende Veränderungen der Stadt zunächst anhand etlicher architektonischer Objekte anschaulich gemacht.

 

Betritt man den Saal, fällt sofort das imposante, fast sieben Meter hohe Hauptportal des alten Hamburger Rathauses ins Auge.

Betritt man den Saal, fällt sofort das imposante, fast sieben Meter hohe Hauptportal des alten Hamburger Rathauses ins Auge. Es war aus den Ruinen nach dem Großen Brand von 1842 gerettet worden. Nicht minder beeindruckend sind die drei Portale des einstigen Bauhofes am Deichtor, der von 1660 bis 1847 für den Bau und die Instandhaltung öffentlicher Gebäude zuständig war. Alle Portale sind als Spolien, als Baureste einstiger Gebäude, fest eingebaut und werden als Exponate in die historische Erzählung eingebunden.

HAMBURG ALS STADTREPUBLIK

Das Rathausportal wird hier stellvertretend für das Zentrum der politischen Macht stehen. Es verweist auf Hamburg als Stadtrepublik, auf die damalige politische Organisation und auf die Möglichkeiten politischer Teilhabe. Hamburg war Kaufmanns- und Stadtrepublik, freie Reichsstadt und ein eigener „Staat“ im Heiligen Römischen Reich, deren Bürger sich selbst regierten und verwalteten, während sie nur dem Kaiser formell untertan waren. Obwohl sie ihre Stadt „Republik“ nannten, war Hamburg im 18. Jahrhundert aber kein demokratischer Staat im heutigen Sinne. Regierung, Gesetzgebung und Verwaltung lagen in den Händen weniger männlicher Bürger lutherischen Glaubens, aus deren Mitte die Bürgermeister und Ratsherren kamen und die die „Erbgesessene Bürgerschaft“ bildeten.

Aufwendig gestaltete Architekturzeichnung einer Türöffnung, über der sich Löwenstatuen, eine Frau mit einem Stab und einem Lorbeerkranz sowie ein zentrales Medaillon mit der Darstellung eines Gebäudes befinden; detaillierte Säulen und dekoratives Mauerwerk umrahmen die Tür.
Anno 1601: Dieses grafische Blatt zeigt
das Mittelportal des alten Hamburger Rathauses
Bild: Museum für Hamburgische Geschichte,
Inventarnummer: EB 1911,1308.

Wer hatte die Macht in der Stadt?

Erbgesessen bedeutete, dass die betreffenden Bürger im Besitz eines Grundstücks beziehungsweise eines Erbes waren. Andersgläubige waren ebenso ausgeschlossen wie Frauen, Handwerker, Krämer oder Bürger ohne Grundbesitz. Wer also hatte die Macht in der Stadt, wer bestimmte die Geschicke ihrer Bewohnerinnen und Bewohner und wer konnte sich in welcher Form beteiligen? Diese Fragen nach Teilhabe und Ausschluss werden sich in der zukünftigen ständigen Ausstellung wie ein Leitmotiv durch alle Themenbereiche des 18. Jahrhunderts ziehen und sind bis heute aktuell geblieben. Sie bieten zugleich eine Perspektive auf die jüdische Geschichte Hamburgs.

Fragen können bereits helfen, bisher Unerforschtes und Unbekanntes kenntlich zu machen.

Im Zentrum des Saales wird die Rolle der Hamburger Kaufleute im globalen Handel stehen – mit Fokus auf ganz bestimmte Handwerke und Gewerbe wie den Schiffbau, die Zuckersiedereien und die Kattunmanufakturen. In welcher Form und über welche Verbindungen die Hamburger Kaufleute dabei in das Unrechtssystem des kolonialen Handels eingebunden waren und wie das Handwerk und das Gewerbe davon profitierten, soll hier veranschaulicht werden.Nach London und Amsterdam hatte Hamburg im 18. Jahrhundert den drittgrößten europäischen Hafen. Die Niederelbe war ein zentraler Ausgangspunkt für den transatlantischen Handel mit versklavten Menschen und die Nachbarstadt Altona eng mit den dänischen Kolonien verbunden. Zwar steht die Forschung bei diesen Zusammenhängen erst am Anfang, doch können Fragen bereits helfen, bisher Unerforschtes und Unbekanntes kenntlich zu machen sowie offen aufzuzeigen, dass auch das Kuratieren von Ausstellungen immer zeitgebunden ist.

Eine Epoche der Toleranz?

Bekanntermaßen war das 18. Jahrhundert die Epoche der Aufklärung, der Vernunft und des kritischen Denkens sowie der Verkündung von Toleranz und Menschenrechten. In Hamburg führten die Ideen der Zeit, etwa mit der Gründung der „Patriotischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe“ 1765, zu einer gemeinnützigpraktischen Reformbewegung. Zu den Initiativen der Gesellschaft zählten die Errichtung der ersten Ersparungskasse als Vorläufer der Sparkasse, die Einrichtung einer Rettungsanstalt für im Wasser Verunglückte und die Gründung der Allgemeinen Armenanstalt im Jahr 1788.

Doch galten die Reformen wirklich allen Menschen? Wer konnte überhaupt Mitglied der „Patriotischen Gesellschaft“ werden? Wie sah das Verhältnis der Aufklärer zu den Frauen oder den Hamburger Jüdinnen und Juden aus? Das sind einige der Fragen, die in diesem künftigen Ausstellungsteil diskutiert werden und all die Menschen sichtbar machen sollen, deren Lebensbereiche von den Reformen der „Patriotischen Gesellschaft“ betroffen waren: alte und junge Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit ihren individuellen Lebensgeschichten.

In der Sammlung des Museums finden sich jedoch nur Porträts aus der bürgerlichen Oberschicht, die sich solcherlei Selbstdarstellungen leisten konnte – und das waren nicht mehr als fünf Prozent der Stadtbevölkerung. Der Großteil der Menschen damals ist bildlich somit nicht greifbar. Um dennoch ein anschauliches Panorama der Stadtgesellschaft zu vermitteln, werden neben den Porträtgemälden auf einer sieben mal acht Meter großen Wandfläche zum einen eine Reihe leerer Bilderrahmen gezeigt, die für all diejenigen stehen, von denen wir kaum etwas wissen. Zum anderen werden dort signifikante Objekte zu sehen sein, die aus dem Arbeits- und Lebensalltag der weniger privilegierten Bevölkerung stammen.

Exponate, von denen zahlreiche noch nie oder lange nicht mehr ausgestellt wurden

 

In Museen wird Geschichte in erster Linie durch Objekte vermittelt – und für das 18. Jahrhundert bietet die Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte einen reichen Fundus, mit dem sich aufschlussreiche Verbindungen zur Gegenwart ziehen lassen. Welche Relevanz die Prozesse und Entwicklungen des 18. Jahrhunderts noch heute haben, lässt sich an vielen Exponaten demonstrieren, von denen zahlreiche noch nie oder lange nicht mehr ausgestellt wurden. Unter anderem wird ein Waldhammer zu sehen sein, mit dem Bäume markiert wurden, die abgeholzt werden sollten. Aus heutiger Sicht lassen sich an dem Werkzeug auch die Themen Holzverbrauch und -nutzung, ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen sowie Besonderheiten in der städtischen Verwaltung thematisieren.

Ein weiteres Schlüsselobjekt aus dem 18. Jahrhundert ist ein Gemälde, das den Kaufmann Johannes Schuback zeigt. Auf einer diplomatischen Reise 1766 ließ er sich in Kopenhagen in einem privaten Gästezimmer mit Bett und Schreibschrank darstellen. Er war nach Dänemark gereist, um dem verstorbenen König Friedrich V. die letzte Ehre zu erweisen und die Verhandlungen zum Gottorper Vertrag vorzubereiten. Dieser Vertrag sollte Hamburg die dänische Anerkennung seiner Reichsfreiheit bringen. So referiert das Porträt auf ein zentrales Ereignis in der Geschichte Hamburgs.

Eine Person mit grünem Turban und geblümtem Gewand sitzt an einem Schreibtisch mit Papieren und einem Behälter, eingebettet in einen Holzrahmen. Die Kulisse wirkt historisch, mit warmen, gedämpften Farben und detailreich gestalteten Einrichtungsgegenständen.
Das Porträt von Johannes Schuback: ein Schlüssel objekt des 18. Jahrhunderts aus der
hauseigenen Sammlung. Bild: Museum für Hamburgische Geschichte, Inventarnummer: 1953,66.

Was die Besucher künftig zu sehen bekommen, ist nichts Geringeres als die „Fast Fashion“ des 18. Jahrhunderts.

Auch die auf dem Gemälde zu sehende Kleidung Schubacks ist aufschlussreich. Von besonderem Interesse sind etwa seine grüne turbanartige Samtmütze, die ihn auch ohne Perücke vor Kälte schützte, und sein Morgenmantel, ein sogenannter Banyan. Modebewusste Männer der Zeit trugen vor allem beim Empfang privater Gäste solche Mäntel, die von asiatischer Mode inspiriert waren und, wie in Schubacks Fall, oft aus einem indischen Baumwollstoff gefertigt wurden. Indische Blumenmuster wiederum inspirierten die Blumenmuster europäischer Kattundruckereien. Einst waren die europäischen Baumwollstoffe sogar so beliebt, dass sie massenhaft hergestellt und verkauft wurden – gerade auch in Hamburg, wo es viele Manufakturen zum Bedrucken von Baumwollstoffen gab. Was die Besucher künftig in diesem Bereich der neu konzipierten ständigen Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen bekommen, ist also nichts Geringeres als die „Fast Fashion“ des 18. Jahrhunderts.