Text: Olaf Matthes, 2024
Das Museum für Hamburgische Geschichte plant eine umfassende bauliche und inhaltliche Modernisierung. Aktuell wird am Konzept zur Neugestaltung der ständigen Ausstellung gearbeitet. Die Komplexität der Hamburgischen Geschichte stellt das Team vor einige Herausforderungen, so auch im Fall des 19. Jahrhunderts.

Ohne den Hafen wäre der Aufstieg Hamburgs zu einer der bedeutendsten Handels- und Industriemetropolen der Welt kaum denkbar.
Das 19. Jahrhundert verwandelte in beispielloser Weise die Welt. Grundlegenden Entdeckungen folgten Industrialisierungswellen. Neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel (Eisenbahn, Dampfschiff, Telegraf) ließen bisher fernab liegende Regionen näher zusammenrücken. Der Welthandel verdichtete sich. Es entstand ein neues Bewusstsein von Raum und Zeit. Das Gefühl von Verlässlichkeit und Sicherheit trug zu einem verbreiteten Fortschrittsglauben bei.
Doch es gab auch Schattenseiten: Die rasant wachsenden städtischen Räume führten zu Wohnungsnot und Verelendung breiter Massen – ein bis dahin in diesem Ausmaß unbekanntes Phänomen. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung wuchs die soziale Ungleichheit. Auch auf politischer Ebene gab es grundlegende Änderungen: Die sich durchsetzende Idee des Nationalstaates, der moderne Imperialismus und die damit verbundene koloniale Expansion führten zu global veränderten Macht-Räumen und lang anhaltenden Konflikten, die bis in die Gegenwart wirken. Diese komplexen und dynamischen Entwicklungen beschleunigten sich im Verlauf des Jahrhunderts, verliefen aber lokal und regional unterschiedlich.
Es gab immer wieder Brüche, Verwerfungen, Kriege oder Revolutionen, die lokale Entwicklungen beeinflussten. Wie können solche komplexen historischen Vorgänge in der neuen Dauerausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte dargestellt werden? Die Antwort kann nur heißen: Reduzierung auf Wesentliches. Das meint einerseits, dass besonders prägende Ereignisse zu thematisieren sind. So folgten dem Großen Brand von 1842 und der Cholera von 1892 nachhaltige Schübe städtischer Modernisierung. Andererseits ist auf Phänomene einzugehen, die für Hamburg von besonderer Bedeutung waren. Hierzu gehören unter anderem neue Formen und Möglichkeiten der Mobilität. Ohne den Hafen wäre zum Beispiel die millionenfache Auswanderung nach Übersee beziehungsweise der Aufstieg Hamburgs zu einer der bedeutendsten Handels- und Industriemetropolen der Welt kaum denkbar.
Die Industrielle Revolution
Die bürgerlichen Eliten verfolgten die in Großbritannien Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzende Industrielle Revolution genau und wägten die neuen Möglichkeiten kaufmännisch-kühl ab. Für sie stand fest, dass es wichtig war, beste Beziehungen zu dieser Weltmacht und seinem Empire zu pflegen, um sich als militärisch machtlose Stadt im weltweiten Handel zu behaupten. Daher wurde der erste der zahlreichen Handels- und Schifffahrtsverträge 1825 mit Großbritannien geschlossen. Zu keinem anderen Land unterhielt Hamburg so enge wirtschaftliche Beziehungen. Zahlreiche Engländer lebten in der Hansestadt, weshalb Hamburg vielen der europäischen Staaten als britischer Vorposten auf dem Kontinent galt. Und das war nicht als Kompliment gemeint.
Wie auch Bremen, Lübeck und Frankfurt am Main wurde Hamburg nach dem Wiener Kongress 1815 mit der Gründung des Deutschen Bundes eine „freie“ Stadt und ein souveräner Stadtstaat. Ein wichtiges Zeichen dieser Souveränität war die Gründung eigener Konsulate. Hamburger oder Hanseatische Konsulate (gemeinsam mit Lübeck und Bremen) gab es zwar bereits länger, nun erhielten sie aber eine andere Bedeutung, da sie sich nicht mehr auf Europa beschränkten, sondern auch weltweit entstanden. Hamburg wurde mit diesem Netzwerk Impulsgeber des globalen Handels, sein Hafen zu einem der leistungsstärksten der Zeit.

Die Hamburger Konsulate

Die Geschichte der Hamburger Konsulate endete bereits 1867. In diesem Jahr wurde die Stadt Mitglied im Norddeutschen Bund und verlor damit große Teile ihrer Souveränität. Geblieben sind die Konsulate fremder Länder in der Stadt. Sie zeugen noch immer von den komplexen Verflechtungen einer bisher nur in Teilen aufgearbeiteten Hamburger Globalgeschichte.
Hamburg besaß – mit mehr als 250 Standorten weltweit – ein außergewöhnlich großes Konsularnetz.
Konsulate kamen den sich ändernden Handelsstrukturen entgegen. Die Kaufleute konnten flexibel und zeitnah reagieren. Für Hamburg erwiesen sie sich als ein erfolgreiches Werkzeug bei der Durchsetzung von Handelsinteressen. Dabei hatten diese Konsulate nicht den Status diplomatischer Vertretungen, sondern galten als Auslandsvertretungen eigener Art. Die Konsuln waren selbstständige Kaufleute. Sie waren zeitlich befristete Wahlkonsuln. Die Regierung achtete bei ihrer Auswahl auf Rang und Namen des Unternehmens. Diese Kaufmannskonsuln blieben auch nach Übernahme des Amtes in erster Linie Kaufleute. Das war keine Besonderheit Hamburgs. Es gab sie auch in anderen europäischen Staaten. Hamburg aber besaß – mit mehr als 250 Standorten weltweit – ein außergewöhnlich großes Konsularnetz.

Geopolitische Entwicklungen
Die Ausbreitung von Konsulaten spiegelt die geopolitischen Entwicklungen der Zeit: Infolge der Unabhängigkeit der USA von Großbritannien setzte sie im späten 18. Jahrhundert im nordatlantischen Raum ein und dehnte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts nach und nach in Richtung Karibik, Mittel- und Südamerika aus. Hier ging die spanische Kolonialherrschaft schrittweise zu Ende, neue Staaten entstanden. Mit diesen konnten nun direkte Handelsbeziehungen geknüpft werden. Diese Entwicklung spiegelte sich in der Anzahl der Hamburger Konsulate wider: 1820 hatte die Stadt etwa 30 Konsulate, davon drei in Übersee.
Sie erhöhten sich bis 1840 auf über 100. Vor dem Eintritt des Deutschen Reiches in den imperial-kolonialen Wettbewerb ab Mitte der 1880er-Jahre waren von den deutschen Staaten nur Hamburg und Bremen in nennenswertem Umfang in diesen Räumen vertreten, was sich an der Gründung vieler Konsulate seit Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt. All diese Konsulate wurden in die Zuständigkeit des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes beziehungsweise ab 1871 des Deutschen Reiches überführt. Schließlich lösten Diplomaten sukzessive die Kaufmannskonsuln ab.
FAZIT
Vor diesem grob skizzierten Bild ist die aktuell heftig diskutierte Frage zu untersuchen, ob Hamburger Kaufleute eher Nutznießer oder auch Wegbereiter des deutschen Kolonialismus waren. Hierfür sind vor allem weitere Studien nötig, denn es ist überwiegend noch unklar, welche Rolle sie vor Ort zur Entfaltung von Freihandel, Imperialismus und Kolonialismus spielten. Wichtig wäre es auch, Stimmen der Einheimischen zum Tun der Hamburger Kaufmannskonsuln einzufangen.
In der neuen Dauerausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte ist geplant, über digitale Zugänge beispielhaft zu zeigen, wie diese komplexen handels-, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen sowie machtpolitischen Zusammenhänge miteinander verwoben waren.