M: Und dieses Silberkännchen? Ist das auch so ein Objekt, das jemand
ins Museum gebracht hat, weil er es nicht unrechtmäßig behalten wollte,
wie die Schale?
F: Ja, tatsächlich, das haben die beiden Objekte gemeinsam. Aber die
Geschichte dahinter ist eine noch kompliziertere.
M: Ich bin gespannt!
F: Ein Teil der systematischen Enteignung jüdischen Vermögens war
eine Verordnung von 1939, nach der jüdische Bürger Schmuck und
Gegenstände aus Edelmetall zwangsweise abgeben mussten. Behalten
durften sie nur Eheringe und ein vierteiliges Besteck pro Person. Das
Silberkännchen hier stammt aus diesen Zwangsabgaben.
M: Und was passierte mit diesen Dingen?
F: Geschätzt wurden 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold aus
jüdischem Besitz eingeschmolzen und verkauft. Der Erlös, rund 54
Millionen Reichsmark, floss direkt in die Kriegskasse.
M: Wow. Und warum ist dieses Silberkännchen nicht in eine
Schmelzanstalt gewandert?
F: Kunsthistorisch wertvolle Gegenstände sollten bewahrt und Museen
zur Verfügung gestellt werden. In Hamburg war der Kunsthistoriker Carl
Schellenberg dafür zuständig, diese Gegenstände auszuwählen. Er war
zwischen 1942 und 1945 auch der kommissarische Leiter der
Hamburger Kunsthalle.
M: Aber wenn diese Objekte nicht eingeschmolzen wurden und
besonders wertvoll sind – dann könnte man doch herausfinden, wem sie
gehört haben und sie zurückgeben?
F: Sollte man. Aber rate mal, wer nach 1945 in Hamburg dafür zuständig
war, die rechtmäßigen Besitzer der erhalten gebliebenen Gegenstände
ausfindig zu machen?
M: Doch nicht etwa derselbe Typ, dieser Carl…
F: …Schellenberg. Doch, genau der. Und er hat bei dieser Aufgabe
offenbar nicht besonders viel Eifer an den Tag gelegt, um es mal
vorsichtig zu auszudrücken. Er war wohl stärker daran interessiert, diese
Dinge den Beständen der Hamburger Museen zuzuführen. Aber damit
nicht genug…
M: …er hat doch wohl nicht etwas für sich selbst genommen!?
F: Na, zumindest hat er dieses Silberkännchen aus den Beständen
entnommen, um es einer guten Bekannten „zu verehren“, wie man
damals sagte.
M: Und diese Bekannte hatte den Verdacht, dass es aus jüdischem
Besitz stammen könnte?
F: Als Ehefrau des damaligen Direktors vom Altonaer Museum, Prof.
Günther Grundmann, war ihr die Diskussion um den Umgang mit
sogenanntem Raubgut sicher nicht unbekannt und sie überließ das
Kännchen dem Museum. Allerdings erst 20 Jahre später. Und wir wissen
auch nicht, ob die Vergangenheit als Raubgut wirklich der
ausschlaggebende Grund für die Schenkung war.
M: Wenn das Silberkännchen heute noch hier ist, bedeutet das, die
rechtmäßigen Besitzer konnten nicht gefunden werden?
F: Bisher nicht, obwohl im Altonaer Museum dazu geforscht wird.
Übrigens gibt es, Stand 2026, zu mindestens 500 Objekten in der
Sammlung des Museums den Verdacht, dass es sich um Raubgut
handeln könnte. Und das gilt auch für die Bestände vieler anderer
Museen und staatlichen Institutionen. Deshalb ist es immer noch eine
sehr wichtige Aufgabe für Museen, die Eigentumsgeschichte ihrer
Bestände zu erforschen.