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Audiostation - Wer war Dr. Carl Schellenberg? Wegmarken Jüdischer Geschichte

Wer war Dr. Carl Schellenberg?

Audiokommentar zum Objekt „Kännchen, wahrscheinlich Raubgut“, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1983-290
Auf Deutsch erzählt von:
Adriana Altaras und Daniel Séjourné

 

M: Und dieses Silberkännchen? Ist das auch so ein Objekt, das jemand

ins Museum gebracht hat, weil er es nicht unrechtmäßig behalten wollte,

wie die Schale?

F: Ja, tatsächlich, das haben die beiden Objekte gemeinsam. Aber die

Geschichte dahinter ist eine noch kompliziertere.

M: Ich bin gespannt!

F: Ein Teil der systematischen Enteignung jüdischen Vermögens war

eine Verordnung von 1939, nach der jüdische Bürger Schmuck und

Gegenstände aus Edelmetall zwangsweise abgeben mussten. Behalten

durften sie nur Eheringe und ein vierteiliges Besteck pro Person. Das

Silberkännchen hier stammt aus diesen Zwangsabgaben.

M: Und was passierte mit diesen Dingen?

F: Geschätzt wurden 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold aus

jüdischem Besitz eingeschmolzen und verkauft. Der Erlös, rund 54

Millionen Reichsmark, floss direkt in die Kriegskasse.

M: Wow. Und warum ist dieses Silberkännchen nicht in eine

Schmelzanstalt gewandert?

F: Kunsthistorisch wertvolle Gegenstände sollten bewahrt und Museen

zur Verfügung gestellt werden. In Hamburg war der Kunsthistoriker Carl

Schellenberg dafür zuständig, diese Gegenstände auszuwählen. Er war

zwischen 1942 und 1945 auch der kommissarische Leiter der

Hamburger Kunsthalle.

M: Aber wenn diese Objekte nicht eingeschmolzen wurden und

besonders wertvoll sind – dann könnte man doch herausfinden, wem sie

gehört haben und sie zurückgeben?

F: Sollte man. Aber rate mal, wer nach 1945 in Hamburg dafür zuständig

war, die rechtmäßigen Besitzer der erhalten gebliebenen Gegenstände

ausfindig zu machen?

M: Doch nicht etwa derselbe Typ, dieser Carl…

F: …Schellenberg. Doch, genau der. Und er hat bei dieser Aufgabe

offenbar nicht besonders viel Eifer an den Tag gelegt, um es mal

vorsichtig zu auszudrücken. Er war wohl stärker daran interessiert, diese

Dinge den Beständen der Hamburger Museen zuzuführen. Aber damit

nicht genug…

M: …er hat doch wohl nicht etwas für sich selbst genommen!?

F: Na, zumindest hat er dieses Silberkännchen aus den Beständen

entnommen, um es einer guten Bekannten „zu verehren“, wie man

damals sagte.

M: Und diese Bekannte hatte den Verdacht, dass es aus jüdischem

Besitz stammen könnte?

F: Als Ehefrau des damaligen Direktors vom Altonaer Museum, Prof.

Günther Grundmann, war ihr die Diskussion um den Umgang mit

sogenanntem Raubgut sicher nicht unbekannt und sie überließ das

Kännchen dem Museum. Allerdings erst 20 Jahre später. Und wir wissen

auch nicht, ob die Vergangenheit als Raubgut wirklich der

ausschlaggebende Grund für die Schenkung war.

M: Wenn das Silberkännchen heute noch hier ist, bedeutet das, die

rechtmäßigen Besitzer konnten nicht gefunden werden?

F: Bisher nicht, obwohl im Altonaer Museum dazu geforscht wird.

Übrigens gibt es, Stand 2026, zu mindestens 500 Objekten in der

Sammlung des Museums den Verdacht, dass es sich um Raubgut

handeln könnte. Und das gilt auch für die Bestände vieler anderer

Museen und staatlichen Institutionen. Deshalb ist es immer noch eine

sehr wichtige Aufgabe für Museen, die Eigentumsgeschichte ihrer

Bestände zu erforschen.