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Audiostation - Was ist ein jüdisches Objekt? Wegmarken Jüdischer Geschichte

Was ist ein jüdisches Objekt?

Audiokommentar zum Objekt „Tasse mit Ansicht des Landhauses von Salomon Heine“, SHMH-Altonaer Museum, Inv.-Nr. 1934-193a
Auf Deutsch erzählt von: Adriana Altaras und Daniel Séjourné

 

M: Eine orange-rote Tasse mit goldenen Füßchen, darauf das Bild eines

prächtigen Hauses. Gehörte die in einen jüdischen Haushalt oder

weshalb wird sie hier in der Ausstellung gezeigt?

F: Ja, das kann sein, wir wissen es aber nicht. Das Interessante an

dieser Tasse ist das, was darauf zu sehen ist.

M: Die Villa?

F: Genau…

M: Wem gehörte sie denn?

F: Die Villa an der Elbchaussee, wegen des riesigen Parks ja eigentlich

eher ein Landhaus, hat dem Hamburger Bankier Salomon Heine gehört.

Er hat das Haus 1812 gekauft. Damals war er einer der reichsten

Männer Hamburgs…

M: Salomon Heine? War der zufällig verwandt mit dem berühmten

Dichter Heinrich Heine?

F: Ja tatsächlich, er war sein Onkel. Salomon Heine wurde in Hannover

geboren und war überhaupt nicht reich, als er 1784 nach Hamburg zog.

Sein Vermögen hat er erst hier gemacht, und er hat damit auch seinen

Neffen immer unterstützt. Aber vor allem war er einer der wichtigsten

Mäzene und Geldgeber der Stadt Hamburg.

M: Wirklich? Was hat er denn so finanziert?

F: Das Israelitische Krankenhaus auf St. Pauli zum Beispiel hat er nach

dem Tod seiner Frau Betty bauen lassen. Und 1842, nachdem große

Teile der Stadt durch einen Brand zerstört worden waren, hat er mit

Spenden und zinslosen Darlehen einen wesentlichen Teil zum

Wiederaufbau beigetragen.

M: Also war Salomon Heine so etwas wie ein Ehrenbürger von

Hamburg, und deshalb wurde ein Bild seines Landhauses auf Tassen

gedruckt?

F: Naja. Er war zwar reich und wohltätig, doch das Bürgerecht

bekam er als Jude in Hamburg nicht.

M: Wie kann das denn sein? Nachdem er Hamburg quasi gerettet hat?!

F: Ja, tatsächlich hat er erst nach seinem Tod Anerkennung für seine

Wohltaten bekommen. Als Jude durfte er damals in Hamburg auch kein

Haus besitzen. Sein Landhaus lag aber in Ottensen, das damals noch

zum Herzogtum Holstein gehörte. Dort konnten Juden legal Haus- und

Grundbesitz erwerben. Und Salomon Heines Landhaus wurde dann

übrigens ein beliebter Treffpunkt für jüdische und nichtjüdische

Menschen.

M: Interessant. Also, Heine selbst wurde von der Stadt Hamburg wie ein

Bürger zweiter Klasse behandelt, aber sein Haus war so berühmt, dass

man das Bild auf Tassen gedruckt hat? So wie heute die

Elbphilharmonie?

F: So ungefähr. Material und Verarbeitung sind hier natürlich etwas

hochwertiger. Auch die anderen Landsitze an der Elbe wurden damals

auf Tassen oder Vasen dargestellt. Solche Tassen haben sich

wohlhabende Bürger gekauft, die auf einem Spaziergang an der Elbe die

prächtigen Anwesen bewundert haben…

M: Aber wenn die Tasse eigentlich nur ein Souvenir war, warum ist sie

dann jetzt hier im Museum?

F: Gute Frage. Angekauft wurde sie 1934 vom damaligen

Museumsdirektor Hubert Stierling, zusammen mit mehreren anderen

Objekten. Gibt dir die Jahreszahl vielleicht eine Idee?

M: Noch nicht so richtig… Aber – durften denn zu dieser Zeit überhaupt

Dinge, die etwas mit jüdischen Menschen zu tun hatten, in einem

Museum gezeigt werden?

F: Da bist du bist auf der richtigen Spur! Sie durften weder gezeigt noch

angekauft werden…

M: …also hat der Museumsdirektor gar nicht bemerkt, was er

da kauft? Ist ihm die Tasse irgendwie durchgerutscht oder hat er das

Haus darauf nicht erkannt?

F: Naja, man kann eher davon ausgehen, dass Hubert Stierling sich mit

der Geschichte der Stadt und ihren Gebäuden auskannte. Die Villa stand

zu dieser Zeit übrigens schon nicht mehr. Sie wurde 1880 abgerissen.

M: Ok, diese Tasse wurde 1934 also bewusst gekauft. Hat Stierling denn

noch andere Objekte jüdischen Lebens für das Museum gekauft?

F: Zumindest hat sich immer für jüdische Themen interessiert. Wir

wissen, dass er 1933 ein Portrait von Salomon Heine ankaufen wollte,

das wurde ihm aber aus politischen Gründen verboten.

M: Und dann hat er heimlich die kleine Tasse mit einer Ansicht von

Heines Villa anstelle des Portraits ins Museum geschmuggelt?

F: Ja, es kann sein. Aus welchem Grund er sie 1934 gekauft hat, wissen

wir nicht, darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Aber es ist ein schöner

Gedanke, dass die Tasse mit dem Bild von Heines Landhaus einmal

einen Platz an einem Ort finden sollte, wo sie zur Zeit des

Nationalsozialismus offiziell nicht sein durfte.

M: Ja, auf jeden Fall. Ich frage mich aber ehrlich gesagt, warum sie jetzt

hier in der Ausstellung über Jüdisches Leben in Hamburg zu sehen ist,

wenn sie nur ein Souvenir war und vielleicht nicht einmal einer jüdischen

Familie gehört hat? Kann man dann überhaupt sagen, dass sie ein

„jüdisches Objekt“ ist?

F: Gute Frage und nicht leicht zu beantworten. Ich frage mal zurück:

Was macht denn deiner Ansicht nach einen Gegenstand zu einem

„jüdischen Objekt“?

M: Na, Dinge aus jüdischem Besitz zum Beispiel, deren Gebrauch

gleichzeitig im Zusammenhang mit einer bestimmten Tradition steht.

Aber… das allein ist vielleicht zu kurz gegriffen… Die Tasse mit dem Bild

der Villa erzählt schließlich auch etwas über das Leben von Salomon

Heine, unabhängig davon, wem sie gehört hat.

F: Genau. Und sie ist ein Anlass, darüber zu sprechen, wie Museen in

der Zeit des Nationalsozialismus mit jüdischen Themen umgegangen

sind. Auch das ist ein Argument für ihren Platz in einer Ausstellung über

„Jüdische Geschichte“, meinst du nicht?