M: Eine orange-rote Tasse mit goldenen Füßchen, darauf das Bild eines
prächtigen Hauses. Gehörte die in einen jüdischen Haushalt oder
weshalb wird sie hier in der Ausstellung gezeigt?
F: Ja, das kann sein, wir wissen es aber nicht. Das Interessante an
dieser Tasse ist das, was darauf zu sehen ist.
M: Die Villa?
F: Genau…
M: Wem gehörte sie denn?
F: Die Villa an der Elbchaussee, wegen des riesigen Parks ja eigentlich
eher ein Landhaus, hat dem Hamburger Bankier Salomon Heine gehört.
Er hat das Haus 1812 gekauft. Damals war er einer der reichsten
Männer Hamburgs…
M: Salomon Heine? War der zufällig verwandt mit dem berühmten
Dichter Heinrich Heine?
F: Ja tatsächlich, er war sein Onkel. Salomon Heine wurde in Hannover
geboren und war überhaupt nicht reich, als er 1784 nach Hamburg zog.
Sein Vermögen hat er erst hier gemacht, und er hat damit auch seinen
Neffen immer unterstützt. Aber vor allem war er einer der wichtigsten
Mäzene und Geldgeber der Stadt Hamburg.
M: Wirklich? Was hat er denn so finanziert?
F: Das Israelitische Krankenhaus auf St. Pauli zum Beispiel hat er nach
dem Tod seiner Frau Betty bauen lassen. Und 1842, nachdem große
Teile der Stadt durch einen Brand zerstört worden waren, hat er mit
Spenden und zinslosen Darlehen einen wesentlichen Teil zum
Wiederaufbau beigetragen.
M: Also war Salomon Heine so etwas wie ein Ehrenbürger von
Hamburg, und deshalb wurde ein Bild seines Landhauses auf Tassen
gedruckt?
F: Naja. Er war zwar reich und wohltätig, doch das Bürgerecht
bekam er als Jude in Hamburg nicht.
M: Wie kann das denn sein? Nachdem er Hamburg quasi gerettet hat?!
F: Ja, tatsächlich hat er erst nach seinem Tod Anerkennung für seine
Wohltaten bekommen. Als Jude durfte er damals in Hamburg auch kein
Haus besitzen. Sein Landhaus lag aber in Ottensen, das damals noch
zum Herzogtum Holstein gehörte. Dort konnten Juden legal Haus- und
Grundbesitz erwerben. Und Salomon Heines Landhaus wurde dann
übrigens ein beliebter Treffpunkt für jüdische und nichtjüdische
Menschen.
M: Interessant. Also, Heine selbst wurde von der Stadt Hamburg wie ein
Bürger zweiter Klasse behandelt, aber sein Haus war so berühmt, dass
man das Bild auf Tassen gedruckt hat? So wie heute die
Elbphilharmonie?
F: So ungefähr. Material und Verarbeitung sind hier natürlich etwas
hochwertiger. Auch die anderen Landsitze an der Elbe wurden damals
auf Tassen oder Vasen dargestellt. Solche Tassen haben sich
wohlhabende Bürger gekauft, die auf einem Spaziergang an der Elbe die
prächtigen Anwesen bewundert haben…
M: Aber wenn die Tasse eigentlich nur ein Souvenir war, warum ist sie
dann jetzt hier im Museum?
F: Gute Frage. Angekauft wurde sie 1934 vom damaligen
Museumsdirektor Hubert Stierling, zusammen mit mehreren anderen
Objekten. Gibt dir die Jahreszahl vielleicht eine Idee?
M: Noch nicht so richtig… Aber – durften denn zu dieser Zeit überhaupt
Dinge, die etwas mit jüdischen Menschen zu tun hatten, in einem
Museum gezeigt werden?
F: Da bist du bist auf der richtigen Spur! Sie durften weder gezeigt noch
angekauft werden…
M: …also hat der Museumsdirektor gar nicht bemerkt, was er
da kauft? Ist ihm die Tasse irgendwie durchgerutscht oder hat er das
Haus darauf nicht erkannt?
F: Naja, man kann eher davon ausgehen, dass Hubert Stierling sich mit
der Geschichte der Stadt und ihren Gebäuden auskannte. Die Villa stand
zu dieser Zeit übrigens schon nicht mehr. Sie wurde 1880 abgerissen.
M: Ok, diese Tasse wurde 1934 also bewusst gekauft. Hat Stierling denn
noch andere Objekte jüdischen Lebens für das Museum gekauft?
F: Zumindest hat sich immer für jüdische Themen interessiert. Wir
wissen, dass er 1933 ein Portrait von Salomon Heine ankaufen wollte,
das wurde ihm aber aus politischen Gründen verboten.
M: Und dann hat er heimlich die kleine Tasse mit einer Ansicht von
Heines Villa anstelle des Portraits ins Museum geschmuggelt?
F: Ja, es kann sein. Aus welchem Grund er sie 1934 gekauft hat, wissen
wir nicht, darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Aber es ist ein schöner
Gedanke, dass die Tasse mit dem Bild von Heines Landhaus einmal
einen Platz an einem Ort finden sollte, wo sie zur Zeit des
Nationalsozialismus offiziell nicht sein durfte.
M: Ja, auf jeden Fall. Ich frage mich aber ehrlich gesagt, warum sie jetzt
hier in der Ausstellung über Jüdisches Leben in Hamburg zu sehen ist,
wenn sie nur ein Souvenir war und vielleicht nicht einmal einer jüdischen
Familie gehört hat? Kann man dann überhaupt sagen, dass sie ein
„jüdisches Objekt“ ist?
F: Gute Frage und nicht leicht zu beantworten. Ich frage mal zurück:
Was macht denn deiner Ansicht nach einen Gegenstand zu einem
„jüdischen Objekt“?
M: Na, Dinge aus jüdischem Besitz zum Beispiel, deren Gebrauch
gleichzeitig im Zusammenhang mit einer bestimmten Tradition steht.
Aber… das allein ist vielleicht zu kurz gegriffen… Die Tasse mit dem Bild
der Villa erzählt schließlich auch etwas über das Leben von Salomon
Heine, unabhängig davon, wem sie gehört hat.
F: Genau. Und sie ist ein Anlass, darüber zu sprechen, wie Museen in
der Zeit des Nationalsozialismus mit jüdischen Themen umgegangen
sind. Auch das ist ein Argument für ihren Platz in einer Ausstellung über
„Jüdische Geschichte“, meinst du nicht?