M: Der Löwe hält ein Schild mit hebräischer Schrift in den Tatzen. Was
steht denn da drauf?
F: “Dies ist die Schenkung der heiligen Brüderschaft der Bestatter für
Wohltätigkeit, verschwinden lasse den Tod für immer.”
M: Also hat der Löwe etwas mit Tod zu tun… eine Friedhofsskulptur?
F: Richtig, die Löwenfigur gehört zu dem Brunnen auf dem jüdischen
Friedhof in der Königstraße. Weißt du, es gibt diese rituelle Vorschrift,
dass sich die Gläubigen nach dem Friedhofsbesuch die Hände waschen.
Deshalb steht am Ein- und Ausgang ein Brunnen.
M: Ok, aber warum ist der Löwe jetzt hier in der Ausstellung?
F: Er wurde 1943 von einer Mitarbeiterin des Altonaer Museums
angeblich in der Nähe des Friedhofs auf der Straße gefunden. Sie hat
den Löwen hierhergebracht, um ihn vor weiteren Zerstörungen zu
bewahren.
M: Ist das denn unglaubwürdig? Es gab doch um diese Zeit die großen
Luftangriffe auf Hamburg…
F: …du meinst die Operation Gomorrha im Juli ’43. Ja, es kann sein,
dass die Figur bei einem Bombenangriff vom Brunnen gesprengt wurde.
Der Friedhof wurde in jedem Fall getroffen, wenn auch nicht so schwer,
wie die Häuser in der Nachbarschaft.
M: Oder, falls es nicht der Bombenangriff war, könnte es in der NS-Zeit
auch eine absichtliche Zerstörung gewesen sein…
F: Vielleicht, ja. Wie Synagogen oder jüdische Geschäfte sind auch
jüdische Friedhöfe in vielen Orten geschändet und zerstört worden.
M: Okay, aber wenn die Museumsmitarbeiterin damals wusste, dass die
Löwenskulptur auf den Friedhof gehört, warum hat sie sie dann
mitgenommen? Eigentlich hatte sie doch nicht das Recht dazu?
F: Naja, sie wollte vermutlich ein Kunstwerk vor der weiteren Zerstörung
bewahren. Aber soweit wir wissen, hat sie sich nach 1945 nicht um eine
schnelle Rückgabe an die Jüdische Gemeinde bemüht. Es gab nämlich
Aufzeichnungen über den angeblichen Fund auf der Straße und für das
Museum war zu jeder Zeit klar, dass der Löwe zum Friedhof gehörte.
M: Und weshalb ist der Löwe heute noch hier, wenn er der Jüdischen
Gemeinde gehört?
F: Was du hier siehst, ist ein Abguss. Das Original ist wieder auf dem
jüdischen Friedhof, es steht im Besucherzentrum. Ein zweiter Abguss
befindet sich am ursprünglichen Platz, auf dem Brunnen am
Friedhofseingang.
M: Na, dann ist dies doch eine Geschichte mit Happy End, oder nicht?
F: Naja, das Museum hat ganze 70 Jahre dafür gebraucht, sich zur
Rückgabe des Löwen an die Jüdische Gemeinde zu entschließen. Die
Stiftung Denkmalpflege hat die Abgüsse finanziert und 2013 ist das
Original und ein Abguss auf den jüdischen Friedhof zurückgekehrt.
M: Also doch auch eine Geschichte des Unrechts.
F: Ja. Deshalb soll der Abguss hier im Museum an die Verantwortung
erinnern, die Museen im Umgang mit geraubtem Gut haben.