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Audiostation - Geschenk oder Raub? Wegmarken Jüdischer Geschichte

Geschenk oder Raub?

Audiokommentar zum Objekt „Obstschale mit Verzierung aus Davidsternen“, SHMH-Museum für Hamburgische Geschichte, Inv.-Nr. 2016-456
Auf Deutsch erzählt von:
Adriana Altaras und Daniel Séjourné

 

M: Also, die Frage, ob dies ein jüdisches Objekt ist, stellt sich mir hier

nicht. Die eingravierten Davidsterne in der Schale sind ja ziemlich

eindeutig.

F: Stimmt. Zudem stammt die Schale auch aus einem jüdischen

Haushalt.

M: Und wie ist sie ins Museum gekommen?

F: Sie wurde dem Museum für Hamburgische Geschichte von einer nicht

jüdischen Familie geschenkt. Angeblich hat diese Familie sie von ihren

jüdischen Nachbarn geschenkt bekommen.

M: Und „angeblich“ bedeutet, dass diese Aussage nicht stimmt?

F: Was genau damals passiert ist, wissen wir nicht genau. Aber wir

wissen, ist dass diese Nachbarn Minka und Julius Behrend hießen. Sie

wurden am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet.

M: Ich habe es befürchtet. Und wenn sie tatsächlich vor ihrer Deportation

noch Dinge verschenkt haben, weil sie sie ohnehin nicht mitnehmen

konnten, dann war das ja nicht freiwillig!

F: Genau. Und mit der Deportation ging der verbliebene Besitz der

jüdischen Menschen an den deutschen Staat über. Das wurde alles von

den Behörden verwertet, also verkauft.

M: Also wurden sie systematisch ausgeraubt. Was passierte denn

eigentlich mit Besitz von denen, die noch rechtzeitig ins Ausland flüchten

konnten?

F: Forschende haben nachgewiesen, dass das Umzugsgut von

Menschen, die aus Deutschland flüchteten, von den NS-Behörden

beschlagnahmt wurde. Der Inhalt wurde zu extrem günstigen Preisen

versteigert und da haben viele Menschen gerne zugegriffen.

M: Aber… das bedeutet ja, dass heute in sehr vielen nicht jüdischen

Haushalten Gegenstände existieren, die… geraubt wurden?

F: Genau, darauf wollte ich hinaus. Manche Sachen wurden an Museen

verschenkt, wie diese Schale hier…

M: …vielleicht weil die Familie kein gutes Gefühl dabei hatte, etwas zu

behalten, das ihr nicht gehört? Auch wenn die Geschichte mit dem

Geschenk stimmen sollte?

F: Ja, das kann sein. In anderen Fällen wurden diese Dinge einfach zu

Familienerbstücken, über deren genaue Herkunft man sich keine

Gedanken machte.

M: Die Schale mit den Davidsternen ist aber schon ziemlich auffällig in

einem nicht jüdischen Haushalt.

F: Eben. Dann wurde oft eine Legende darum herum gestrickt. Das

betreffende Objekt war zum Beispiel ein Geschenk von jemandem, dem

man in der Not vielleicht sogar geholfen hatte. Nebenbei eine gute

Gelegenheit, um die eigene Vergangenheit ein wenig aufzupolieren.

M: Okay, das sind jetzt sehr viele Vermutungen! Aber ich habe schon

verstanden, dass es darum geht, nicht alle Geschichten einfach

hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen.

F: Richtig. Vielleicht gibt es ja auch in eurer Familie ein Objekt, das

ursprünglich aus einem jüdischen Haushalt stammt?

M: Das frage ich mich auch gerade – ich werde mal nachforschen!