M: Also, die Frage, ob dies ein jüdisches Objekt ist, stellt sich mir hier
nicht. Die eingravierten Davidsterne in der Schale sind ja ziemlich
eindeutig.
F: Stimmt. Zudem stammt die Schale auch aus einem jüdischen
Haushalt.
M: Und wie ist sie ins Museum gekommen?
F: Sie wurde dem Museum für Hamburgische Geschichte von einer nicht
jüdischen Familie geschenkt. Angeblich hat diese Familie sie von ihren
jüdischen Nachbarn geschenkt bekommen.
M: Und „angeblich“ bedeutet, dass diese Aussage nicht stimmt?
F: Was genau damals passiert ist, wissen wir nicht genau. Aber wir
wissen, ist dass diese Nachbarn Minka und Julius Behrend hießen. Sie
wurden am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet.
M: Ich habe es befürchtet. Und wenn sie tatsächlich vor ihrer Deportation
noch Dinge verschenkt haben, weil sie sie ohnehin nicht mitnehmen
konnten, dann war das ja nicht freiwillig!
F: Genau. Und mit der Deportation ging der verbliebene Besitz der
jüdischen Menschen an den deutschen Staat über. Das wurde alles von
den Behörden verwertet, also verkauft.
M: Also wurden sie systematisch ausgeraubt. Was passierte denn
eigentlich mit Besitz von denen, die noch rechtzeitig ins Ausland flüchten
konnten?
F: Forschende haben nachgewiesen, dass das Umzugsgut von
Menschen, die aus Deutschland flüchteten, von den NS-Behörden
beschlagnahmt wurde. Der Inhalt wurde zu extrem günstigen Preisen
versteigert und da haben viele Menschen gerne zugegriffen.
M: Aber… das bedeutet ja, dass heute in sehr vielen nicht jüdischen
Haushalten Gegenstände existieren, die… geraubt wurden?
F: Genau, darauf wollte ich hinaus. Manche Sachen wurden an Museen
verschenkt, wie diese Schale hier…
M: …vielleicht weil die Familie kein gutes Gefühl dabei hatte, etwas zu
behalten, das ihr nicht gehört? Auch wenn die Geschichte mit dem
Geschenk stimmen sollte?
F: Ja, das kann sein. In anderen Fällen wurden diese Dinge einfach zu
Familienerbstücken, über deren genaue Herkunft man sich keine
Gedanken machte.
M: Die Schale mit den Davidsternen ist aber schon ziemlich auffällig in
einem nicht jüdischen Haushalt.
F: Eben. Dann wurde oft eine Legende darum herum gestrickt. Das
betreffende Objekt war zum Beispiel ein Geschenk von jemandem, dem
man in der Not vielleicht sogar geholfen hatte. Nebenbei eine gute
Gelegenheit, um die eigene Vergangenheit ein wenig aufzupolieren.
M: Okay, das sind jetzt sehr viele Vermutungen! Aber ich habe schon
verstanden, dass es darum geht, nicht alle Geschichten einfach
hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen.
F: Richtig. Vielleicht gibt es ja auch in eurer Familie ein Objekt, das
ursprünglich aus einem jüdischen Haushalt stammt?
M: Das frage ich mich auch gerade – ich werde mal nachforschen!