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Audiostation - Brief von Ida Dehmel an ihre Freundin Marie Stern in Bad Schwalbach Wegmarken Jüdischer Geschichte

25. Oktober 1941

Liebste Sternmarie!

Du hast mir einen schönen Brief geschrieben, nicht ahnend, daß ich

inzwischen nicht nur dem Tod, sondern der Hölle nahe war. Seit Mittwoch

war nicht nur mein Leben, sondern das von Tausenden eine bodenlose

Qual. Seit einer Stunde erst scheine ich gerettet zu sein. Als Einzelne.

Mittwoch früh erhielten 2000 H[amburger] J[uden] (es können auch nur

1500 gewesen sein, den Evaquirungsbefehl [sic]. Diese vorläufig. Man weiß,

daß alle dran kommen sollen. Grausamste Bedingungen. Mitgenommen

muß werden: Läusesalbe, Insektenpulver, Staubkamm. Nach Litzmannstadt.

Hier u[nd] da eine ganze Familie, aber auch Vater oder Mutter oder

Tochter oder Sohn herausgegriffen. Die Haushilfe meiner j[üdischen] Mieter

ist auch dabei, daher habe ich alles aus nächster Nähe miterlebt. Eine

ari[sche] Bekannte m[einer] Mieterin kam zu Besuch. Ich schloß ihr die

Haustüre auf. Eine junge Frau. Sie sagte zu mir: „Wie gut, daß Sie noch

nicht dran sind, da können Sie doch bessere Reisevorbereitungen treffen.“

Und da schlägt kein Blitz ein u. lähmt ihr die Zunge.

Vor einer Stunde, wie gesagt, kam ein Brief aus Berlin, daß ich befreit

sei. Allerdings ein Privatbrief, aber ich darf glauben, daß es berechtigt ist.

Glaube mir, Sternmarie, nie werden die Spuren dieser Tage von meiner

Seele abzustreifen sein. Ich bin die Nächte durch im Dehmelzimmer auf

und ab gewandelt. Du kannst Dir denken, daß ich das Dehmelhaus nicht

lebend verlassen hätte. Gestern Abend besuchte mich der Pastor Heydorn,

der Dehmels Grabrede gehalten hat. Er sagte: „Sie haben Dehmels

Zustimmung, wenn Sie diese Schmach nicht mitmachen. Auch ich würde

an Ihrer Stelle so handeln.“

In all diesen Höllenstunden blieb mir 1/100 Hoffnung neben 99 Wahrscheinlichkeiten

des Untergangs. Es sind Dutzende von Selbsttötungen

in diesen Tagen geglückt u[nd] mißglückt. Einer lieben Bekannten, die noch

Dienstag heiter bei mir war u[nd] bei der ich heute sein sollte, ist es geglückt.

Vorhin bekam ich einen Abschiedsgruß von ihr. Die Rettungswagen

sollen beständig durch die Stadt gerasselt sein. Kannst Du Gottes Langmut

begreifen? Ich ringe darum, mich im Glauben an Ihn nicht erschüttern

zu lassen. Daß Dehmel mein Fürsprecher im Himmel wie auf Erden bleibt,

ist sichtbar. Denn auch vom Tragen des gelben Judensterns hat man mich

befreit.

Aber eine uralte Frau bin ich geworden in diesen Tagen. Tief, tief beklage

ich die Ärmsten, die hinaus geschleppt wurden. Demütig frage ich mich,

was ich Besseres bin als sie. „Wir alle leben von geborgtem Licht“.

Isi

BRIEF VON IDA DEHMEL AN IHRE FREUNDIN MARIE STERN

IN BAD SCHWALBACH
25.10.1941

Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Dehmel-Archiv, Signatur DA : Z : Br : De 82.528